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Holzversorgung als kommunale Aufgabe. Stadt und Wald im 18. und 19. Jahrhundert

Leitung:

  • Prof. Dr. Wolfram Siemann

Wissenschaftliche Mitarbeiter:

  • Dr. Nils Freytag
  • Dr. Verena Zimmermann
  • Hartmut Ellrich, M.A.
  • Katrin Knäusel, M.A.

Zusammenfassung:

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft zwischen 2000 und 2004 geförderte Projekt "Holzversorgung als kommunale Aufgabe. Stadt und Wald im 18. und 19. Jahrhundert" untersuchte die Konflikte um Energieressourcen im städtischen Raum. Als Resultate sind festzuhalten: Städtische Wälder waren nicht grundsätzlich schlecht bewirtschaftet und damit per se stärker von den Energie- und Holzversorgungskrisen des 18. und 19. Jahrhunderts betroffen. Forsthistorische Urteile auf der Basis gedruckten Quellenmaterials sind damit zu korrigieren. Die Analyse des Problems der städtischen Holzversorgung revidiert darüber hinaus Vorstellungen von der Reformunfähigkeit der Kommunen in Übergang vom Alten Reich zum 19. Jahrhundert, sie ermöglicht eine Neudeutung des Pauperismus in den 1830er und 1840er Jahren, sie erweist sich als zentraler Bestandteil der öffentlichen Wohlfahrts- und Armenpolitik im 19. Jahrhundert und sie legt Anfänge einer frühen Politik der wirtschaftlichen ‚Nachhaltigkeit' offen. In einer weiterführenden Perspektive hängt der in diesem Projekt in den Blick genommene Umbruch in der kommunalen Energieversorgung unmittelbar zusammen mit dem säkularen Wandel von Umweltwahrnehmungen, den gesellschaftlichen Anfängen des Schutzes der natürlichen Umwelt des Menschen.

Ergebnisse:

1) Die politikgeschichtliche Ebene

Holz und Herrschaft waren untrennbar miteinander verbunden. Im Ringen um Macht und Einfluß war Holz aufgrund seiner großen ökonomischen Bedeutung ein wesentliches Element der Konflikte zwischen Staat und Stadt. Es ließ sich machtpolitisch ausgezeichnet instrumentalisieren: vom subtilen Streit um die ‚richtige' Bewirtschaftung kommunaler Forsten bis hin zur rigorosen Holzliefersperre des Territorialstaates gegenüber einer Reichsstadt. Hier ging vor allem am Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation auch im Wald Macht vor Recht. Aufschlussreich sind die bis an den Rand eines Krieges führenden Konflikte der Reichsstadt Nürnberg mit der preußischen Verwaltung in Ansbach-Bayreuth (GStAPK, StAN, StadtAN). Die preußische Entflechtung unterschiedlicher Waldnutzungsinteressen und -rechte (Jagd, Holzentnahme und Nebennutzungen), die auch vor der Verhaftung Nürnberger Förster nicht halt machte, fügt sich eindrucksvoll in eine ganze Reihe territorialstaatlicher Bemühungen, die Rechte reichsunmittelbarer Gemeinwesen zurückzudrängen. So lässt sich mit Archivmaterial sehr gut belegen, wie die vom späteren preußischen Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg geleitete Verwaltung in Ansbach-Bayreuth gegen Ende des Ancien Régimes die begonnenen Reformen in der Nürnberger Forstverwaltung und -bewirtschaftung systematisch unterlief und die Öffentlichkeit mit Flugschriften und Bekanntmachungen für sich zu gewinnen suchte. Während die preußische Verwaltung den Wildbestand im eigenen Territorium drastisch reduzierte, blockierte sie gleichartige Bemühungen auf reichsstädtischer Seite. Lediglich aus Rücksicht auf das Bild Preußens in dieser aufklärerischen Öffentlichkeit schreckte Hardenberg davor zurück, große Teile des Nürnberger Reichswalds zu okkupieren.

Es ist besonders hervorzuheben, dass das Thema ‚städtische Holzversorgung' damit mitten hinein führt in ein Grundproblem frühneuzeitlicher Forschung: das der politischen Reformfähigkeit reichsunmittelbarer Gemeinwesen. Am Beispiel Nürnbergs jedenfalls lässt sich vorzüglich dokumentieren, wie es städtischen Reformkräften gelang, die Forstverwaltung teilweise umzugestalten und eine forstlich nachhaltige Bewirtschaftung der Reichswälder gegen erheblichen Druck von außen zumindest einzuleiten. Dabei erwies sich das System der reichsstädtischen Erbforsthuben als besonders sperriges Verwaltungs-, Verfassungs- und lehnsrechtliches Problem, das aber keineswegs als Grund für den schlechten Zustand der Nürnberger Reichswälder einzustufen ist.

Insgesamt geraten die langfristigen Wechselbeziehungen zwischen Staat und Stadt, die Spielräume staatlichen und städtischen Handelns und die Durchsetzbarkeit staatlicher Normen vor Ort in den Blick - Wechselbeziehungen, welche die geschichtswissenschaftliche Forschung bislang zu sehr vernachlässigt hat. Holz war das einzige lebensnotwendige Gut, das in größerem Umfang in staatlichem Besitz war, allein schon deshalb sahen Öffentlichkeit und Kommunen hier den Staat in der Pflicht, der parallel versuchte, auf dem liberalisierten und deregulierten Holzmarkt finanzielle Gewinne zu erzielen. Damit engte der Staat den finanziellen und damit auch politischen Handlungsspielraum der Städte enorm ein. Das gilt insbesondere für Kommunen mit ‚stadtfernen Versorgungswäldern', da diesen zumeist der direkte Zugriff auf das Holz fehlte und sie auf die aufwändige, zahlreichen Beschränkungen unterworfene Trift und Flößerei angewiesen waren. Die weit reichenden Schritte, die Staat und Kommunen zum Schutz und zur Förderung der Flößerei ergriffen - dokumentiert etwa in zahlreichen Floß- und Ländordnungen -, belegen eindrucksvoll, welchen Stellenwert sie dem Gewerbe für die städtische Versorgung beimaßen: Im konfliktbeladenen Interessenausgleich zwischen verschiedenen Flussnutzern (Flößern, Müllern, Fischern) entschieden beide Akteure bis zum Niedergang der Flößerei im letzten Jahrhundertdrittel überwiegend zugunsten dieses zentralen städtischen Versorgungsgewerbes.

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2) Die wirtschafts- und sozialgeschichtliche Ebene

Holz war ein zentrales Wirtschaftsgut. Am Beispiel von Holzhandel und Holzmarkt lassen sich die Folgen der bestimmenden sozioökonomischen Prozesse des 18. und 19. Jahrhunderts - Deregulierung, Kommerzialisierung und Liberalisierung - in den Städten konkretisieren. Eine zeittypische Antwort auf diese staatlicherseits geförderten Prozesse waren die in zunehmender Zahl eingerichteten Holz- oder später auch Kohlemagazine, teils in landständischer, teils in staatlicher, vor allem aber in kommunaler Regie; sie begrenzten die Reichweite von Liberalisierung und Deregulierung unmittelbar vor Ort, halfen Holzpreisspitzen zu brechen und die sozialen Folgekosten der Kommerzialisierung des Holzes in den Städten selbst abzufedern. Freilich bargen sie auch jede Menge Konfliktstoff, und es gelang in aller Regel nicht, sie dauerhaft zu betreiben - zu eng war der finanzielle Spielraum der Kommunen.

Diese grundsätzliche Tendenz lässt erst der Vergleich verschiedener bayerischer und österreichischer Städte erkennen. Hinter den kommunalen Reaktionen steht das prinzipielle Problem, wie sich die städtische Basisversorgung (vor allem mit Lebensmitteln und Energie) angesichts des Bevölkerungswachstums, der einsetzenden Urbanisierung und des Zusammenwachsens regionaler Wirtschaftsräume (beispielsweise mit der Gründung des Deutschen Zollvereins 1834) bewältigen ließ. Das zeigte sich auch bei der von heftigen Konflikten und Protesten flankierten Einführung von Gaswerken in München, die zunächst in privater und später dann in kommunaler Regie betrieben wurden. Aus Sicht der Städte, auch wenn diese ihre Schwierigkeiten möglichst drastisch darstellten, war für alle Probleme der Staat verantwortlich: Bevölkerungswachstum, gewerbliche Ausdehnung, Zollverein und Freihandel verteuerten und verknappten Energie nahezu unerträglich. Zudem wurden die Kommunen oft in ihrem durchaus vorhandenen Bestreben gehindert, forstlich nachhaltiges Wirtschaften in die Tat umzusetzen. Unmittelbar mit dieser Problemlage verbunden waren für die Kommunen Fragen nach Wohlfahrtszuständigkeit, kompetenz und finanzierung. Spätestens in der Preiskrise der 1830er und 1840er Jahre wurde die Holzversorgung zu einem Kernbestandteil der städtischen Armenfürsorge, die der bayerische Staat weitgehend den Gemeinden aufbürdete: Neben den Grundbedürfnissen Nahrung und Kleidung galt die Naturalversorgung mit Brennholz als dritter zentraler Eckpfeiler einer Fürsorge, welche die städtischen Armen kontrollieren und disziplinieren sollte; das zeigen zahlreiche generelle Verfügungen des bayerischen Innenministeriums jener Jahre des Pauperismus, die in den Städten umzusetzen waren.

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3) Die kultur- und mentalitätsgeschichtliche Ebene

Holz und Wald haben bedeutende kultur- und mentalitätsgeschichtliche Dimensionen. Die vielerorts schon im 18. Jahrhundert anzutreffenden Widerstände, Brennholz durch Torf oder später durch Kohle zu ersetzen, verweisen auf bisher wenig erforschte althergebrachte Vorbehalte und Argumente gegenüber dem epochalen Umbruch in der Energieversorgung. Das gilt in gleichem Maße für die anhaltenden Schwierigkeiten, neue, holzsparende Öfen einzuführen. Bereits aufmerksame Zeitgenossen registrierten die Wechselwirkungen zwischen dem fundamentalen kulturellen und gesellschaftlichen Wandel seit dem 18. Jahrhundert einerseits und dem steigenden Holzverbrauch andererseits. So führte der Aufstieg bürgerlicher Wertevorstellungen und Tugenden zu langfristigen Auswirkungen auf den Verbrauch von Energieressourcen. Denn der "reinliche Bürger" verbrauchte mehr Brennholz für seine Körperpflege als zuvor, und für den Bildungsbürger mussten zusätzlich Theater, Kaffeehäuser und Leseclubs beheizt werden. All dies ließ den städtischen Brennholzbedarf fühlbar ansteigen. Dies war ein weitgehend unbeachtetes Leitthema der sogenannten Holznotdebatte, die zu einem ganz wesentlichen Teil eine stadtbürgerliche Debatte war. Ähnliche Beachtung verdient auch der Wandel von Wald- und Stadtwahrnehmungen, der die energetische Wende, die Industrialisierung und die Urbanisierung flankierte.

Die im 18. Jahrhundert intensiv angelaufene säkulare Zurückdrängung traditioneller Jagd-, Holz-, Weide- und Streuberechtigungen änderte in der langen Perspektive offenkundig die Waldwahrnehmungen grundlegend. Vor allem der stadtnahe Wald konnte als nutzungsfreie oder arme Zone nun mehr und mehr zum Ort einer vorgeblich unverfälschten Naturerfahrung werden. In den Blick gerieten damit Fragen danach, wie Städter sich ihre Umwelt vorstellten, wie sie diese konstruierten und wie sich das konkret auf ihren Umgang mit der stadtnahen Natur niederschlug. Bereits zu Ausgang des 18. Jahrhunderts zeigen sich vor allem in Passau und Nürnberg erste Ansätze eines Erholungs- und Erlebnisraumes 'Wald'. Je mehr traditionelle Versorgungs- und Nutzungsfunktionen die stadtnahe Natur einbüßte, desto stärker traten diese neuen Aspekte in den Vordergrund, wie eine exemplarische Fallstudie zu den so genannten Fasangärten der Wittelsbacher dokumentiert: Die adelig-höfische Jagdlandschaft wandelte sich zum Ausflugsziel des Münchener Bürgertums, das die stadtnahe Natur domestizierte und zum Bestandteil bürgerlicher Kultur werden ließ.

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4) Die umweltgeschichtliche Ebene

Holz war die unverzichtbare Energieressource; das gilt bis weit ins 19. Jahrhundert. Konzentriert man sich auf diese Grundtatsache, dann lässt sich unschwer erkennen, dass Städten für Energie- und Versorgungskrisen ein gleichsam seismographischer Charakter einzuräumen ist; der Blick auf die städtische Energieversorgung und die mit ihr verbundenen Krisen führt damit zu einem ganzen Bündel zentraler Gegenstände der gegenwärtigen Umweltgeschichtsschreibung. Dies gilt nicht nur für ein Kardinalproblem der Beschäftigung mit Holzversorgung und Waldnutzung: die umstrittene Holznot des 18. und auch 19. Jahrhunderts. Es führt auch mitten in die Ressourcenproblematik, denn erfolgreiches Wirtschaften bedarf in aller Regel einer dauerhaften Energieversorgung. Ebenso lassen sich fundamentale Folgen für die städtische Umweltwahrnehmung erkennen. Bisher deutet vieles darauf hin, dass dem stadtnahen Wald bei der Entstehung eines modernen Umweltbewusstseins eine zentrale Bedeutung zuwuchs. Das Stadtbürgertum entdeckte den stadtnahen Wald nicht nur als Ort ästhetischer Genüsse, sondern es erkundete den durch Städte- und Industriewachstum bedrohten, reduzierten und romantisierten Wald zugleich als Ort von Naturdenkmälern. In Kommunen mit vormals stadtfernen Versorgungswäldern entfalteten sich andere Zugänge zur nutzungsfreien oder -armen Naturzonen: So ging der Gründung des Münchner Isartalvereins (1902) der Niedergang des Flößereigewerbes unmittelbar voraus - mittlerweile hatte die Eisenbahn den Fluss als Transportmittel für Energieressourcen abgelöst.

Nachhaltigkeit war als wirtschaftliches Grundprinzip in den städtischen Forstverwaltungen um 1800 präsent. Insofern muss man sich vom forstwissenschaftlichen Gründungsmythos verabschieden, dass erst die territorialstaatlichen Forstverwaltungen diese Kernforderung der aufkommenden Forstwissenschaft in die Tat umsetzten. Darüber hinaus zeigt aber gerade die intensive innerstädtische Kommunikation über die Endlichkeit der Ressource Holz, dass Energieprobleme vielen Zeitgenossen unmittelbar vor Augen standen.

Die Beschäftigung mit dem Versorgungssystem der Trift und Flößerei erlaubt weit reichende Erkenntnisse in das historische Ökosystem Fluss - das zeigen die ersten Auswertungen des im vierten Förderungsjahr erhobenen Materials. Die städtische Holzversorgung erforderte massive Eingriffe in den Fluss und seine unmittelbare Umgebung: Von den zum Holztransport benötigten Riesen in den Alpen bis hin zum nur bedingt flößerei- und trifttauglichen Flussbett. Um die Versorgung der Stadt dauerhaft zu gewährleisten, mussten die natürliche Flussdynamik und die Ressource Wasserkraft durch Schleusen gebändigt und kontrolliert werden; und auch den Uferbewuchs galt es zurückzudrängen und immer wieder zu beschneiden, um Reit- und Gehwege in Flussnähe zu erhalten.

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Publikationen:

Aufgeführt sind nur die Publikationen der nicht mehr am Lehrstuhl beschäftigten Mitarbeiter. Zu beachten sind auch die Publikationen von Wolfram Siemann und Nils Freytag.

  • Hartmut Ellrich, Die Brennholzversorgung der Haupt- und Residenzstadt München um 1800 (Ms., 40 S.)
  • Katrin Knäusel, Die Flößerei auf der Isar - Ein Forschungsprojekt zur Münchener Holzversorgung, in: Informationen zur modernen Stadtgeschichte 2/2003 (Themenschwerpunkt: Stadt am Wasser), S. 24-27
  • Wolfgang Piereth, "Mitten im Holze aus Mangel an Holz kaum eine Suppe kochen können" - Staatliche Forstpolitik und städtische Holzversorgung im vormärzlichen Bayern, in: Wolfram Siemann / Nils Freytag / Ders. (Hg.), Städtische Holzversorgung. Machtpolitik, Armenfürsorge und Umweltkonflikte in Bayern und Österreich 1750-1850, München 2002, S. 141-154
  • Verena Zimmermann: Vom adeligen "Erlebnispark" zum bürgerlichen Ausflugsziel. Die Fasangärten der Wittelsbacher in der Umgebung der Residenzstadt München, in: Eva-Maria Stolberg (Hg.), Kulturgeschichte des Gartens (im Druck, 25 S.)
  • Dies., Die Konflikte um die Einführung einer zentralen Energieversorgung in München (1848-1905) (Ms. abgeschlossen)

Tagungsbericht zur Tagung 5. und 6. April 2001 in Grainau/Oberbayern, "Holzversorgung als kommunale Aufgabe. Stadt und Wald im 18. und 19. Jahrhundert."