Neueste Geschichte und Zeitgeschichte
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Inventar archivalischer Quellen zur Geschichte des deutschen Buchhandels- und Verlagswesens im 19. und 20. Jahrhundert

Leitung (Projektteil Süd): Prof. Dr. Wolfram Siemann

Wissenschaftliche Mitarbeiter: Verena Zimmermann, Alexandra H. Grünert M.A.

"Online-Recherche in der Datenbank bei der Deutschen Bücherei Leipzig"
(http://tamino.ddb.de:1900/ddbarchiv/index.htm

Das Projekt:

"Wer suchet, der findet!" heißt ein altes Sprichwort. Wie mühsam sich dies aber oft gestaltet, weiß jeder, der schon einmal nach ungedruckten Quellen zu einem bestimmten Thema gesucht hat. Fündig wird ein Historiker nicht in der Bibliothek, sondern im Archiv, wo diese Quellen aufbewahrt und für den Benutzer zugänglich gemacht werden, und zwar in einer Vielzahl unterschiedlicher Archive, kommunaler und staatlicher, kirchlicher und privater. Je nach Fragestellung kann die Suche sehr aufwendig werden.

Das Projekt Inventar archivalischer Quellen zur Geschichte des deutschen Buchhandels- und Verlagswesens im 19. und 20. Jahrhundert ist aus Diskussionen in der Historischen Kommission in der Zeit vor der Wende entstanden, und der Nestor der deutschen Buchhandelsgeschichte, Herbert G. Göpfert, gab dazu den Anstoß. Hier werden die einschlägigen Akten zur Buchhandels- und Verlagsgeschichte in allen staatlichen, kommunalen und kirchlichen Archiven Deutschlands im Zeitraum von ca. 1800 an bis zur Gegenwart erfaßt. Für Historiker, Germanisten und andere Wissenschaftler, die zu buchhandels- und verlagsgeschichtlichen Themen forschen, entsteht damit ein einzigartiges Findmittel zu den Quellen im umfassenden Sinne, mit allen sachlichen Querverbindungen (Bibliotheks-, Wirtschafts-, Rechts-, Kultur- und Literaturgeschichte).

Der Benutzer dieses umfassenden Archivaliennachweises kann etwa sofort festellen, ob es überhaupt Akten in einem Archiv zu seinem Thema gibt und wieviele vorhanden sind. Ferner können neue Forschungsvorhaben durch diese Datensammlung entstehen und über mehrere Archive verteilte Quellenbestände in ihrem Zusammenhang überhaupt erst erkannt werden. Auch über die Verfügbarkeit der Akten (z.B. Sperrfristen) und Benutzungsmöglichkeiten (z.B. Anschriften und Öffnungszeiten der Archive) gibt das buchhandelsgeschichtliche Inventar Auskunft.

Unter der Leitung von Prof. Dr. Wolfram Siemann am Institut für Neueste Geschichte der Universität München (Projektteil Süd) und von Lothar Poethe bei der Deutschen Bücherei in Leipzig (Projektteil Ost) - beide Mitglieder der Historischen Kommission - werden die Daten von vier Mitarbeiterinnen anhand der Findmittel in den Archiven systematisch ermittelt. In einer ersten Projektphase seit 1992 wurden die buchhandelsgeschichtlichen Titel in den Staats- und Stadtarchiven aufgenommen, in einer zweiten die in den Kirchenarchiven. Die gesammelten Materialien werden dann in einer buchhistorischen Datenbank, die von der Deutschen Bücherei in Leipzig betreut wird, Interessierten zugänglich gemacht. Die Daten sollen bald auch online über das Internet abfragbar sein. Dies wird voraussichtlich in zwei Jahren der Fall sein, wenn die Erfassung der gewaltigen Datenmenge endgültig abgeschlossen ist. Dieses gesamtdeutsche Projekt ist Teil des Großprojekts der Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Es wird finanziell von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels getragen. In das Inventar aufgenommen werden sämtliche Titel, die mit dem Thema Buchhandel und Verlagswesen im weitesten Sinne in Verbindung stehen. Dazu zählen neben Buchhandlungen und Buchhändlern, Verlagen und Verlegern, Themenbereiche wie Presse, Zensur, Urheberrecht, Lesegesellschaften, Leihbüchereien, Volksbibliotheken, Kolportage, Schmutz- und Schundliteratur, Bibelgesellschaften, Schulbücher und Literaturpreise, um nur einige zu nennen. Ausgeschlossen wird in der Regel der Bereich der technischen Herstellung eines Buches.

Recherchiert wird auf allen Archivebenen, d.h. von der untersten Ebene, den Stadt- und Kreisarchiven, bis hin zu den Staats-, Länder und Hauptstaatsarchiven sowie dem Bundesarchiv. Hinzu kommen die Archive der katholischen und der evangelischen Kirche. Private Archive, z.B. Verlagsarchive werden nicht berücksichtigt, da diese nicht prinzipiell der Öffentlichkeit zugängig sind, gebotene Förderung aus Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft aber diese Zugänglichkeit voraussetzen würde.

Die Zahl der buchhandelsgeschichtlich einschlägigen Aktentitel in den Archiven schwankt zwischen zwei und 2500. Das hängt zum einen mit der Größe des Archivs zusammen - so weist ein Staatsarchiv natürlich wesentlich mehr einschlägige Titel auf als ein Stadtarchiv - aber auch andere Gründe, etwa Kriegsverluste, haben daran teil.

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Das Inventar:

Die Angaben des Inventars - Bestellsignatur, Inhalt und Laufzeit einer Akte - werden aus dem jeweiligen Archivfindbuch übernommen. Ein solcher Auszug aus dem Findbuch erscheint dann z.B. so in dem Inventar:

Bestellsignatur: Bestand 1, Nr. 123; Aktentitel: Zensurwesen; Inhalt: Unterdrückung der bei Brede in Offenbach erschienenen Druckschrift "Ernst und Scherz zur Lust und Lehre in einer trüben Zeit. Ein Buch für Bürger, Bauern und andere, die es lesen wollen oder Das Testament des deutschen Volksboten"; Laufzeit: 1833

Der Aktentitel und die Bemerkungen zum Inhalt werden nach Stichwörtern sowie nach Person, Körperschaft, Ort, Titel und Zeit verschlagwortet und können dann in der Gesamtdatenbank nach diesen Kennungen abgerufen werden. Es sind auch kombinierte Abfragen möglich; so könnte man etwa im Suchprogramm als Stichwort "Zensur" und als Person "Heinrich Heine" eingeben und bekäme dann eine Liste sämtlicher Archive nebst Titel der dort vorhandenen Akten über Zensurmaßnahmen, die Heinrich Heine betrafen.

Die Archive:

Staatsarchive

In den Staatsarchiven findet sich vor allem Schriftgut der Regierungsbehörden (Innere Verwaltung, Justizverwaltung, Polizeidirektion, Bezirks- und Landratsämter). Für das 19. Jahrhundert geben besonders die Akten der Polizeidirektionen mit Titeln wie "Aufsicht auf Presse und Buchhandel" oder "Beschlagnahme von Druckschriften" zahlreiche Hinweise auf Zensurmaßnahmen der "Presspolizei". Gerichtsakten hingegen beschäftigen sich u.a. mit Prozessen wegen Verbreitung hochverräterischer Schriften oder Majestätsbeleidigung. In den Akten der Bezirks- und Landratsämter wird der Benutzer fündig, wenn er Quellen sucht zum Thema Volksbibliotheken oder Schulbücher. Daneben gibt es in den Staatsarchiven aber auch Nachlässe von Verlegern, Schriftstellern oder Redakteuren sowie Schriftgut von Vereinen oder Verbänden, z.B. Lesegesellschaften. Im Staatsarchiv Hamburg etwa finden sich neben zahlreichen Akten zu Verboten von Drucksachen und Büchern auch einige zur Bestellung des Zensors Dr. Hoffmann durch den Senat im Jahr 1822 und dessen Aufgaben, z.B. der Überwachung von Leihbibliotheken, Buchhandlungen und Verlagen. Diesem ist wohl auch der Verleger Julius Campe 1839 in die Fänge geraten, als er des Vertriebs verbotener Bücher beschuldigt wurde.

Zum 20. Jahrhundert kommen dort die Akten zur Vergabe von Presselizenzen durch die britische Militärregierung nach 1945 für das Inventar in Frage. Denn nicht nur im 19. Jahrhundert, auch nach dem Zweiten Weltkrieg unterlag die Presse der Kontrolle. Jeder, der etwas veröffentlichen wollte - und sei es nur eine kleine Broschüre - mußte bei der Militärverwaltung erst einen Antrag auf Lizenzerteilung stellen. An nichtamltichem Schriftgut verwahrt das Staatsarchiv Hamburg z.B. Akten der Vereinigung "Öffentliche Bücherhalle", die 1899 als Zweig der "Patriotischen Gesellschaft" die erste öffentliche Bibliothek in Hamburg eröffnete.

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Stadtarchive

Auch auf der unteren Archivebene, in den Stadtarchiven, findet sich eine Reihe interessanter Akten zur Buchhandels-, Verlags- und Pressegeschichte, die im besten Falle ein umfassendes Bild des literarischen Lebens der Stadt vermitteln.

Ein Beispiel für eine solche umfangreiche Überlieferung ist die Stadt Ravensburg. Im dortigen Archiv ist die Organisation der städtischen Bibliothek von 1800 bis in unsere Zeit durch zahlreiche Akten dokumentiert. Dort findet sich z.B. ein Katalog der vorhandenen Bücher aus dem Jahre 1822 oder aus der Zeit des Nationalsozialismus eine Liste der anzuschaffenden politischen Schriften. Neben der städtischen Bibliothek gab es aber auch private Leihbüchereien in Ravensburg, etwa die Leihbibliothek des dort ansässigen Buchdruckers und Buchhändlers Johann Anton Gradmann: Die Ankündigung von 1822 und das Bestandsverzeichnis von 1825 sind überliefert. Der Buchhändler Gradmann war auch Drucker und Verleger des Ravensburgischen gemeinnützigen Wochenblattes, des Intelligenzblattes für die Köngliche Landvogtey am Bodensee und der Zeitung Der Landbote am Bodensee. 1833 erbat er von der württembergischen Regierung die Konzession zur Aufnahme politischer Artikel in seine Zeitung Der Landbote am Bodensee, die ihm schließlich nach langen Diskussionen erteilt wurde. 1841 durfte Gradmann dann sogar Artikel über politische Angelegenheiten des Auslandes in seiner Zeitung drucken, genehmigt durch die württembergische Zensurkommission in Stuttgart.

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Kirchenarchive

Die beiden Kirchen haben in den Bereichen Buchhandel, Verlag und Presse eine oft unterschätzte Bedeutung. So sollte durch kircheninterne journalistische Aktivitäten in Form von Zeitungen und Zeitschriften mit geistlichen Inhalten der kirchenfeindlichen Presse entgegengewirkt werden. Diese Entwicklung war eine Reaktion auf die zunehmende Säkularisierung des öffentlichen Lebens. Auch eigene christliche Verlage mit Druckereien und Vertriebssystemen wurden gegründet. Sie veröffentlichten nicht nur verschiedene Bibelausgaben, sondern auch "erbauliche" und christliche Bücher aller Art, Kalender und Almanache. Ebenso waren beide Kirchen wesentlich an der Aufstellung von Zensurkriterien und an Zensurmaßnahmen beteiligt, so etwa im Kampf gegen die "Schmutz- und Schundliteratur", oder sie waren selbst Opfer der Zensur.

In den neueren Beständen des Evangelischen Zentralarchivs in Berlin finden sich beispielsweise viele aufschlußreiche Aktentitel zu Zensurmaßnahmen durch die DDR-Behörden. So ist dort u.a. dokumentiert, wie Druckgenehmigungen für christliche Literatur von den staatlichen Stellen verweigert oder wie Sendungen mit theologischem Schriftgut aus dem Westen beschlagnahmt wurden. Auch die evangelische Pressearbeit in der DDR wurde von den Behörden behindert, z.B. wurden einzelne Nummern der Zeitung Europäischer Nachrichtendienst Ost von der Volkspolizei beschlagnahmt, bis schließlich ein endgültiges Verbot durch das Presseamt erwirkt wurde.

Ein breites Spektrum möglicher Themen zur Buchhandels-, Verlags- und Pressegeschichte öffnet sich für künftige Benutzer der buchhistorischen Datenbank. Ein kleiner Ausschnitt nur konnte hier vorgestellt werden, das Angebot an buchhandels- und verlagsgeschichtlichen Quellen aber ist wesentlich breiter. Es ist zu erwarten, daß die Datenbank mit ihren mehr als 55000 Aktennachweisen, sobald sie uneingeschränkt zugänglich ist, weltweit über das Internet reichlich genutzt wird.