Neueste Geschichte und Zeitgeschichte
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Editionsprojekt "Deutsche Tribüne"

Leitung: Prof. Dr. Wolfram Siemann
Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Dr. Hedwig Herold-Schmidt
Wissenschaftliche Mitarbeit: Dr. Elisabeth Hüls
Studentische Hilfskraft: Tobias Becker

Die 'Deutsche Tribüne':

Die von Johann Georg August Wirth herausgegebene 'Deutsche Tribüne' (1831/32) ist eine der wichtigsten liberal-demokratischen Zeitungen des deutschen und europäischen Vormärz. Sie ist eine zentrale, aber in den Bibliotheken kaum mehr greifbare und oft nur bruchstückhaft überlieferte Quelle für alle wesentlichen Streitfelder und Entwicklungen jener Zeit. Die Zeitung erschien zunächst in München, dann in der bayerischen Pfalz, war jedoch weit über die Grenzen Bayerns hinaus bekannt. Durch ihren Herausgeber Johann Georg August Wirth stand sie in direkter Verbindung zum Hambacher Fest, der ersten und bedeutendsten liberalen Massendemonstration in den deutschen Staaten nach dem Wiener Kongreß. Das Blatt wurde 1832 vom Deutschen Bund verboten. Schon daran wird deutlich, dass es sich nicht um eine Zeitung handelte, die allein in Bayern aufmerksam beobachtet wurde.

Die 'Deutsche Tribüne' muss vielmehr als zentrale Quelle für den Vormärz eingestuft werden. Als liberale Zeitung machte die 'Deutsche Tribüne' die politischen Ansichten der liberalen und zunehmend auch demokratischen Opposition zugänglich. Aus den Artikeln können die Argumentationsweisen der oppositionellen Bewegung ebenso herausgearbeitet werden wie zentrale Streitfelder. Die Artikel ermöglichen darüber hinaus vielfältige Einblicke in die politische Geschichte dieser Epoche: So wurden nicht nur die deutschen Zustände beleuchtet, sondern wegen des internationalen Interesses des Herausgebers auch die Entwicklung in den europäischen Staaten berücksichtigt.

Das Frankreich Louis Philippes, die Anfänge des belgischen Staates, der portugiesische Bürgerkrieg oder die Reformbemühungen in England wurden aufmerksam beobachtet. Insbesondere was die Verfassungsentwicklung, die Frage bürgerlicher Freiheiten, vor allem der Presse, betraf, so lenkte man den Blick stets auf die europäischen Nachbarn.. Der "polnische Aufstand" und die "Polenfrage" bildeten zentrale Themen der 'Deutschen Tribüne'. Die Polenvereine in der Pfalz und auch die deutsche Unterstützungsbewegung zugunsten der fliehenden Polen lassen sich anhand der 'Deutschen Tribüne' exzellent nachvollziehen.

Die Zeitung erschließt also nicht nur die bürgerliche Vereinsbewegung, deren kommunikative Netzwerke und die kryptopolitischen Betätigungen während der Restaurationszeit, sondern sie ist ein zentrales Dokument jener Phase der deutsch-polnischen Beziehungen. Darüber hinaus ist das Blatt eng mit dem deutschen Preß- und Vaterlandsverein verbunden. Eine Zeitlang fungierte es als Vereinszeitung, so daß es auch für diesen ersten Versuch einer nationalen Parteibildung als zentrale Quelle zu betrachten ist. Schließlich ist die 'Deutsche Tribüne' ein hervorragendes Dokument für die deutsche Zensurpraxis jener Jahre. Der Herausgeber kommentierte nicht nur die Probleme mit den Zensurbehörden: Zahlreiche Zensurlücken zeugen auch vom staatlichen Umgang mit unliebsamen Publikationen.

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Das Editionsvorhaben:

Ziel des Projektes ist es, die Neuedition des Blattes umfassend wissenschaftlich einzubetten, zu kommentieren und so für weitere Forschungsarbeiten zu erschließen. Geplant sind:

  1. eine ausführliche Einleitung;
  2. textstellenbezogene Erläuterungen und Kommentierung sowie Glossar;
  3. eine Auswahl und Aufbereitung weiterer Quellen als Editionsbeigabe;
  4. ein umfassendes Register;
  5. ) kompletter Neusatz der Zeitung.

Die Neuedition der 'Deutschen Tribüne' macht eine zentrale Quelle zugänglich, die nur in wenigen Bibliotheken und dort häufig nicht vollständig vorhanden ist. Sie eröffnet neuen Forschungen einen gezielten Zugang zum Quellenwerk und kann so u.a. Sozial-, Rechts-, Kulturhistorikern wie Medienwissenschaftlern als elementares Forschungsinstrument dienen. Zudem beseitigt sie Probleme für zukünftige Forschungsarbeiten, die sich aus den unvollständigen, abweichenden Überlieferungen und den teilweise bestehenden besonderen Benutzungsbedingungen in den Bibliotheken ergeben (keine Fernleihe, keine oder teure Kopien, ausschließliche Lesesaalbenutzung etc.).

Die wissenschaftliche Erschließung und Kommentierung wird durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert. Die Kosten, die durch den Neusatz der Zeitung und den Druck entstehen, werden von einer Reihe anderer Geldgeber übernommen. Die Publikation, die im K. G. Saur Verlag erscheint, wird im einzelnen unterstützt von:

  • Beauftragter der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien
  • Kulturstiftung der Länder
  • Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur
  • Siebenpfeiffer-Stiftung Hamburg/Saar
  • Bezirksverband Pfalz-Kaiserslautern
  • Sparkasse Zweibrücken

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Einleitung:

In der umfassenden Einleitung werden sowohl allgemeinere pressegeschichtliche Perspektiven eröffnet als auch das Blatt selbst und seine Mitarbeiter schärfer konturiert. Für weitere Forschungen werden so die für die Zeitung wesentlichen Rahmenbedingungen abgesteckt. Konkret soll die praktische Redaktionsarbeit möglichst eingehend beleuchtet werden. Dabei ist zwar einerseits der journalistische Werdegang des Herausgebers J.G.A. Wirth zu berücksichtigen, andererseits muß jedoch das Blatt aus seiner einseitigen Zuschreibung auf den Herausgeber gelöst werden, müssen andere Mitarbeiter identifiziert und nach Möglichkeit deren Rekrutierung und Kontakte untereinander erhellt werden. Zudem sind so weit möglich die anonym erschienenen Artikel ihren Verfassern zuzuordnen. Schließlich soll nach der Rezeption und Verbreitung der Zeitung gefragt werden. Diese Fragen können nicht ohne Beachtung und Klärung der rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen auf der Ebene des Deutschen Bundes und des bayerischen Staates behandelt werden.

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Textstellenbezogene Erläuterungen und Glossar:

Die in der Einleitung präsentierten Informationen zu den gleichsam 'äußeren Rahmenbedingungen' des Blattes sollen durch eine inhaltliche Erschließung der Artikel über eine textstellenbezogene Kommentierung, ein Glossar und ein differenziertes Register ergänzt werden. Im textstellenbezogenen Kommentar werden Anspielungen und konkret genannte Ereignisse erläutert, Personenkonstellationen dargelegt, etc. Das Glossar widmet sich hingegen Ereignissen, Entwicklungen und Sachverhalten von genereller Bedeutung. So erhält die Erschließung der Neuedition einen grundlegenden Zuschnitt, der über ein 'einfaches' Register weit hinausgeht.

Aufbereitung weiterer Quellen:

Die Auswahl und kommentierte Beigabe weiterer archivalischer Quellen wird neue Blicke auf die Presse- und Zensurgeschichte eröffnen und Ansätze für weiterführende wissenschaftliche Untersuchungen bieten. Geplant ist zum Beispiel der Abdruck des Verbotes der Zeitung mit der umfassenden Begründung der Deutschen Bundesversammlung.

Register:

Das Register ermöglicht einen schnellen Zugriff auf einzelne Beiträge, der die Benutzbarkeit gegenüber dem Original erheblich erleichtert. Personen, Orte und Sachbegriffe können in den einzelnen Beiträgen mit Hilfe des Registers schnell und problemlos aufgespürt werden. Angesichts der insgesamt nahezu 2000 Spalten Text ist dies ein höchst effektives Arbeitsmittel.

Neusatz der Zeitung:

Beim Neusatz der Zeitung wird die originale Gliederung in und Zählung nach Spalten beibehalten. Allerdings wird die Frakturschrift des Originals in moderne Typen umgesetzt. Dadurch wird eine leichtere Lesbarkeit erreicht, so daß die breite Nutzung des Werkes auch über den engen Kreis der Fachwissenschaftler hinaus ermöglicht wird.