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Frühe Formen der Umweltpolitik: Wald und Gesellschaft von der Frühen Neuzeit bis ins 19. Jahrhundert

Wissenschaftliche Mitarbeiter:

Dr. Christoph Ernst / Dr. Thomas Götz / Bernd-Stefan Grewe / Gerd Modert (E-Mail)

Zusammenfassung:

Im Zentrum der Forschungsarbeit standen die kulturellen und gesellschaftlichen Ansprüche, welche die Menschen in vorindustrieller Zeit an den Wald stellten. Der Wald lieferte erstens die bis weit ins 19. Jahrhundert unersetzliche Zentralressource Holz. Zweitens diente die Waldfläche zu Viehzucht und Ackerbau. Drittens jagte man im Wald. Aus diesen Ansprüchen entstanden drei Waldtypen unterschiedlicher Beschaffenheit: Holzproduktionswald (hoher Holzvorrat), Landwirtschaftswald (Weide- und Ackerfläche), Jagdwald (hoher Wildstand).

Welcher der Waldtypen wo vorherrschen sollte, war eine Frage, die alle Waldnutzer anging. Die Kommunikation zwischen Landesherren, ländlicher Bevölkerung, Städten und Klöstern konstituierte ein eigenes Politik- und Konfliktfeld. Die bestimmende Frage lautete: Nach welchen Maßgaben soll der Wald entwickelt werden? Auszuhandeln war, wer seine finanziellen, naturalen, hoheitlichen und immateriellen Interessen in welchem Maße durchsetzen konnte. Bevölkerungswachstum und Holzkonjunktur verschärften die Auseinandersetzungen. Die finanziell lukrative Holzproduktion gewann für die Landesherren eine immer größere Bedeutung. Dahinter mußten zunehmend nicht nur die eigenen jagdlichen Ziele im Wald und insbesondere die agrarische Nutzung des Waldes durch die Landbevölkerung zurückstehen. Selbst die von der zeitgenössischen Forstpublizistik und vom landesherrlichen Forstamt propagierten Ziele einer nachhaltigen Bewirtschaftung gerieten dadurch ins Hintertreffen. Die obrigkeitliche Rede von Nachhaltigkeit und Holznot – also einer Verknappung der Ressource – war deshalb zwar nicht grundlos. Es handelte sich jedoch zugleich um eine Rhetorik, mit der man die eigenen geschäftlichen Ziele kaschieren wollte.

Ausgangsfragen und Zielsetzung:

Das Vorhaben untersucht den Wandel im Umgang der Gesellschaft mit Wald und Boden von der Frühen Neuzeit bis ins 19. Jahrhundert. Dabei geraten administrative Handlungsträger und deren Motive sowie tieferliegende Ursachen bei der Umgestaltung der Kulturlandschaft in den Blick. Den Auswirkungen der forcierten Entgrenzung von Forst- und Landwirtschaft auf Gemeindeebene wird aus bäuerlicher Perspektive ebenso nachgegangen wie zentralen vorindustriellen 'Umweltproblemen', der Existenz und der Wahrnehmung der "Holznot" und der Diskussion um die Nachhaltigkeit: Der Wald wird dabei im Schnittfeld ökologischer, politischer, wirtschaftlicher und sozialer Interessen erforscht. Dafür bieten sich vier Dimensionen an, die analytisch seine Bedeutung als Natur-, Herrschafts-, Wirtschafts- und Sozialraum unterscheiden. Erstmals können so die Wechselwirkungen zwischen diesen vier Ebenen ermittelt werden. Der vorgesehene Untersuchungsraum umfaßt Waldgebiete in Hunsrück, Eifel und Pfälzerwald. In vergleichendem Zugriff sollen sowohl unterschiedliche Herrschaftsräume wie auch drei aufeinanderfolgende Herrschaftsepochen einander gegenübergestellt werden: das Ancien Régime, das 1792/94 mit der französischen Besetzung endete; die französische Zeit von 1792/94 bis 1814; die preußische Rheinprovinz und die bayerische Pfalz (1814-1850).

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Darstellung der erreichten Ergebnisse

Im 18. Jahrhundert sind die drei Waldtypen Holzproduktionswald, Landwirtschaftswald und Jagdwald zu unterscheiden. Drei Charakteristika zeichnen sie jeweils aus:

  1. Zielsetzung und Normierung. Gesetze formulierten die Vorgaben für die Waldtypen und entwarfen ihr rechtliches Gerüst. Es bestand aus zeitlichen, örtlichen und objektbezogenen Elementen. Diese Elemente dienten auch dazu, die Zugriffsmöglichkeiten auf den Waldertrag und das Verhältnis der Waldtypen und -nutzer zu reglementieren. Deshalb umfaßten sie auch entsprechende strafrechtliche und verwaltungstechnische Normen.
  2. Praktische Verwirklichung und Interessen. Mit der praktischen Nutzung des Waldes im Sinne der Holzproduktion, Landwirtschaft oder Jagd entwickelten die Waldnutzer die drei Waldtypen konkret. Die Waldnutzer verfolgten dabei andersgeartete Interessen. Sie sind unterscheidbar in: finanzielle (Geldertrag), naturale (Roh- und Werkstoffe, Waldflächennutzung), hoheitliche (Herrschaft über den Waldraum) und immaterielle Ansprüche (Einbindung in die Vorstellungswelt). Bei jedem Waldtyp herrschte ein Interesse vor.
  3. Kommunikation und Konflikt. Auf der Grundlage der rechtlichen Ausgestaltung und praktischen Verwirklichung der Waldtypen kam es zu Verhandlungen und Auseinandersetzungen zwischen den Waldnutzern. Es ging vor allem um die Zugriffsmöglichkeiten auf den Waldertrag, wobei Gefährdungen einzelner Waldtypen durch immanente Abläufe oder konkurrierende Waldtypen eine große Rolle spielten.

Beim Holzproduktionswald stellten die Normgeber den Ablauf der Holznutzung während der gesamten Frühen Neuzeit in den Gesetzen umfassend dar. Die ab 1760 vorgesehenen forstlichen Maßnahmen waren im Gegensatz dazu vielfach neu, entsprechend scharf fiel ihre strafrechtliche und verwaltungstechnische Unterfütterung aus. Ab diesem Zeitpunkt genoß der Holzproduktionswald zunehmend Vorrang vor dem Landwirtschaftswald, mußte allerdings weiterhin Einschränkungen durch den Jagdbereich hinnehmen.

Die Landesherren waren an der Holzproduktion im Kammerwald (Stamm- und Kohlholzverkauf) aus finanziellen Gründen stark interessiert. Die Holzproduktionserlöse machten 1759-1792 im Erzstift Trier ein Zehntel der gesamten Einnahmen aus. Die finanzielle Bedeutung der Schlagwirtschaft, der ein Großteil der Forsteinnahmen entstammte, reichte damit weit über das Forstwesen hinaus. Das war bisher unbekannt. Gleiches gilt für die Tatsache, daß den Landesherren auch die Holzproduktion in den Gemeindewäldern finanziell wichtig war. Direkt standen ihnen daraus anteilige Einnahmen zu, indirekt profitierten sie davon, wenn die Gemeinden aufgrund des Holzverkaufs oder -handels ihre Schulden tilgten und ihre Steuerkraft stärkten. In naturaler Dimension war die Holzproduktion für die Landesherren in ihren eigenen Wäldern wichtig für die städtische, gewerbliche und ländliche Holzversorgung und als Teil der Besoldung der Bediensteten. Die Holzproduktion im Gemeindewald interessierte die Landesherren in diesem Zusammenhang, um die Kammerwälder von übermäßigen Notdurft-Rechten zu entlasten, in eingeschränktem Rahmen auch, um Kellner und Amtleute zu besolden und Amtsgebäude zu heizen. Aus diesen finanziellen und naturalen Bedeutungen, welche die Kammer-, aber auch die Gemeindewälder für die Landesherren errangen, wuchs das Bestreben, die hoheitlichen und polizeilichen Rechte dort jeweils zu festigen oder auszuweiten, um die Holzproduktion nach eigener Maßgabe zu gestalten und Gefährdungen zu minimieren.

Für die Landesherren rangierte beim Holzproduktionswald also das finanzielle Interesse an oberster Stelle. Daraus entstand der unaufhaltsame kurzfristige Antrieb, das Holz der Kammerwälder zu versilbern. Die eigenen Prinzipien der nachhaltigen Bewirtschaftung mißachteten das kurtrierische Forstamt und die Hofkammer dabei im Forstrevier Kell nachweislich. Die Mengenentwicklung in den anderen Forstrevieren und im gesamten Obererzstift deuten darauf hin, daß die Verantwortlichen generell die nachhaltigen Hiebsätze überschritten: 30 Jahre Schlagwirtschaft sicherten ihnen zwar dank steigender Holzpreise nachhaltige Gelderlöse, nicht aber nachhaltige Mengenerträge. Der Holzvorrat der Kammerwälder Kurtriers war gegen Ende des Jahrhunderts aufgrund der finanziell interessanten Schlagwirtschaft, anders als die Prinzipien es vorsahen, deutlich geringer als um 1750.

Die Gemeinden waren an der Holzproduktion in ihren Wäldern ebenfalls stark interessiert. Finanziell eröffneten der Stamm- und Brennholzverkauf auch ihnen große und fast alternativlose Verdienstmöglichkeiten.

Die naturalen Potentiale des Gemeindewaldes, aber auch des Kammerwaldes waren für die gemeindliche Holz-Notdurft unentbehrlich. Auch auf kommunaler Seite entstand aus dieser finanziellen und naturalen Bedeutung die Absicht, die hoheitlichen Rechte im eigenen und die Befugnisse im landesherrlichen Wald zu sichern. Daß für die Landbevölkerung immaterielle Beweggründe maßgeblich für ihre Zielsetzungen der Waldentwicklung gewesen seien, erscheint nach der Analyse zwischengemeindlicher Konflikte wenig plausibel.

Der Holzproduktionswald verursachte innerhalb der Obrigkeit vor allem Kompetenzstreitigkeiten. Landesherrliche Kollegien und Gemeinden setzten sich über die Gewichtung zwischen Holzproduktions- und Landwirtschaftswald sowohl im Kammer- als auch im Gemeindewald auseinander. Der Streit um Holzertrag und Flächennutzung im landesherrlichen Wald war ein Ressourcenkonflikt. Er verschärfte sich aufgrund der Wertsteigerung und Verknappung des Holzes. Es gab heftige, vorwiegend gerichtliche Auseinandersetzungen um den Einfluß des Bevölkerungswachstums auf die Verteilung des Holzertrages und insbesondere um Modus und Intensität der Schlagwirtschaft. In diesem Zusammenhang stand auch zur Debatte, wie die Schlagwirtschaft auf den Landwirtschaftswald wirkte.

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Ein Teil der Holznot-Debatte bildete dieses kommunikative Element des Holzproduktionswaldes ab. Analog zu seiner fiskalischen Bedeutung und in Kombination mit den Möglichkeiten, die Anliegen öffentlich darzulegen, beherrschte die Holznot-Rhetorik die landesherrliche Kommunikation und die Forschungsdiskussion, obwohl auch die Gemeinden und die Landstände damit argumentierten.

Der Landwirtschaftswald erhielt zunächst ein rechtliches Gerüst, das die Praxis von Ackerbau und Viehzucht reflektierte. Nach der Mitte des 18. Jahrhunderts wollten die Verantwortlichen beides – ihrem neuen Schwerpunkt Holzproduktion gemäß – tendenziell einschränken.

Am Landwirtschaftswald waren die Landesherren überwiegend indirekt interessiert. Sie bezogen von Viehzucht und Ackerbau, unabhängig davon, ob diese im Kammer- oder Gemeindewald stattfanden, geldliche und naturale Abgaben. Die Funktionsfähigkeit der Landwirtschaft war für die Landesherren überdies unerläßlich, um Steuern erheben und die Bevölkerung ernähren zu können. Die Kameralhöfe vertraten darüber hinaus auch direkte naturale Interessen der Landesherren an der Entwicklung des Landwirtschaftswaldes. Aus diesen finanziellen und naturalen Belangen und aus der potentiellen Gefahr, die vom Landwirtschaftswald für Holzproduktion und Jagd ausging, entstand das hoheitliche Streben, die agrarische Nutzung des Waldes zu reglementieren und später auch einzudämmen.

Die Gemeinden waren am Landwirtschaftswald direkt interessiert. Im Kammer- und Gemeindewald sorgte er für die naturale Versorgung der ländlichen Wirtschaft mit Futter, Dünger, Weide- und Ackerfläche. Hoheitliche Ansprüche stellten die Gemeinden, insoweit sie die von ihnen präferierte Nutzungsweise durchsetzen wollten.

Ungeachtet ihrer finanziell ertragreichen Holzproduktion richteten die Gemeinden ihr Hauptaugenmerk auf die naturale Dimension des Landwirtschaftswaldes. Indem auch sie momentanen Interessen Vorrang einräumte, laugte die Landbevölkerung den Waldboden generell – trotz offenbar gegenläufiger Tendenzen im Kondelwald (Kröver Reich) – durch übermäßigen Nährstoffentzug aus. Zudem verminderte sie zugleich die Fläche und Qualität des Holzproduktionswaldes. Deshalb wäre diese typische Kombination aus Holzproduktions- und Landwirtschaftswald langfristig nicht möglich gewesen.

Die Gefährdung des Landwirtschaftswaldes – sei es durch diese immanente Entwicklung, sei es durch die landesherrliche Ausdehnung des Holzproduktionswaldes – spielte für die Landbevölkerung in Klagen über die Weidenot eine weithin übersehene Rolle.

Der Jagdwald beruhte auf den ältesten rechtlichen Vorgaben. Die Gesetzgeber schrieben sie bis zum Ende des 18. Jahrhunderts fort. Seine Wertschätzung drückt sich etwa in den äußerst hohen Strafmaßen aus, die man auch nach der jagdpolitischen Wende von 1768 in Kurtrier nicht revidierte. Aus herrschaftlicher Sicht genoß der Jagdwald traditionell den Vorrang gegenüber dem Holzproduktions- und Landwirtschaftswald. Erst der immense Bedeutungszuwachs des Holzproduktionswaldes ab 1750 und die Verdichtung der Klagen über den Landwirtschaftswald änderten dies langsam.

Der Jagdwald trug den Landesherren geringe Gelderlöse ein. Natural war er durch die Fleischversorgung belangvoll. Hoheitliche Interessen der Landesherren hingen im Jagdwald zwar auch mit dieser finanziellen und naturalen Bedeutung zusammen. Maßgeblicher aber war für die Landesherren beim Jagdwald, die Verfügungsgewalt über den Kammer- und Gemeindewald auch mit Blick auf die Holzproduktion zu dokumentieren. Es ging vor allem um die Demonstration konkreter Raumbeherrschung. Der Jagdwald war daher durch die Praxis der Jagd immateriell als herrschaftliches Privileg und Vergnügen wichtig. Am Jagdwald waren die Gemeinden nicht aktiv interessiert. Allerdings waren sie bestrebt, die finanziellen und naturalen Einbußen, die ihnen daraus entstanden (Wildhüter und -schäden), möglichst gering zu halten.

Daß die Landesherren grundsätzlich zu nachhaltiger Bewirtschaftung des Naturraums Wald imstande waren, beweisen die über Jahrhunderte erhaltenen Wildbestände. Der Jagdwald ist das Beispiel dafür, wie starke gegenwärtige Interessen, in diesem Fall hoheitlicher und immaterieller Art, durch die Landesherren selbst im Zaum gehalten werden konnten, um sie langfristig verwirklichen zu können.

Analog zu Holzproduktions- und Landwirtschaftswald erhielt auch der Jagdwald sein rhetorisches Rüstzeug von Interessierten, die seinen Fortbestand gefährdet sahen. Die Landbevölkerung drängte im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts hingegen massiv darauf, die Wildbestände zu reduzieren, was die kurtrierische Hofkammer auch in die Wege leitete.

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Thesen

Alle Waldtypen wiesen also Zielvorgaben, praktische und kommunikative Elemente auf. Die wichtigsten Forschungsergebnisse aus der Untersuchung dieser Elemente lassen sich in in sieben Thesen bündeln:

  1. Kulturelle und gesellschaftliche Ansprüche und Interessen bestimmten den menschlichen Anteil an der Waldentwicklung. In erster Linie erwuchsen daraus die Vorgaben für die Waldentwicklung, die man im Zusammenspiel mit der naturräumlichen Ausstattung konkretisierte. Wem der Wald gehörte, ist also nicht per se maßgeblich für die Waldentwicklung. Entscheidend sind die mit der kulturellen und gesellschaftlich-wirtschaftlichen Position des Waldeigentümers verbundenen Interessen an der Waldentwicklung.
  2. Alle Waldnutzer stellten finanzielle, naturale und hoheitliche Ansprüche an die Waldentwicklung. Die Art der Interessen unterschied sich nicht grundsätzlich zwischen Landesherren und Gemeinden. Dies gilt auch für Städte, Klöster (beide innerhalb der Landstände vertreten) und Ritter. Die strukturelle Ähnlichkeit der Interessen hat die Forschung bislang noch nicht gesehen, weil sie immer von einem Gegensatz zwischen Obrigkeit und Untertanen auch bei der Frage der Waldentwicklung ausging. Entgangen sind ihr so auch die sich wechselseitig überkreuzenden Interessen von Landesherren im Gemeindewald und von Gemeinden im Kammerwald.
  3. Die absolute Dominanz je eines Interesses führte dazu, daß Landesherren und Gemeinden den Wald in ihrem Sinne jeweils übermäßig und nicht-nachhaltig beanspruchten. Das langfristige Interesse, den Wald zu erhalten, konnte sich gegen diese kurzfristigen Hauptinteressen nicht durchsetzen. Die Schuld an der unmittelbar bevorstehenden Verknappung vor allem des Kohlholzes trugen Landesherren und Gemeinden gemeinsam: Die Landesherren nutzten die Ressource bis 1790 nicht nachhaltig. Außerdem verminderten sie das Wild, das die Naturverjüngung der Bestände gefährdete, erst spät aufgrund bäuerlicher Proteste, nicht als Schutzmaßnahme für die Holzproduktion. Die Gemeinden zerstörten die Grundlagen des Landwirtschaftswaldes durch Ausweitung des Waldfeldbaus und die Entnahme von Düngersurrogaten. Davon ging auch eine Gefahr für die Holzproduktion aus.
  4. Die jeweiligen Primärinteressen waren für die Hauptkonfliktlinie 'landesherrlicher Holzproduktionswald versus gemeindlicher Landwirtschaftswald' verantwortlich. Bei diesem Ressourcenkonflikt im Kammerwald standen die finanziellen Anliegen der Obrigkeit den naturalen Bestrebungen der Gemeinden diametral entgegen.
  5. Diese Konfliktlinie Obrigkeit-Untertanen war wichtig, aber sie war nicht die einzige Beziehung im Politik- und Konfliktfeld Waldentwicklung. Weder Forstgeschichte noch Waldentwicklungsforschung (Geschichtswissenschaft und Geographie) haben bisher gesehen, daß die Obrigkeit kein monolithischer Block war. Kurfürst, Regierung, Hofkammer, Forstamt, Landstände und Ritter verfolgten neben gemeinsamen gleichzeitig je eigene Interessen und gerieten darüber auch in Konflikt miteinander. Gemeinden stritten ebenfalls untereinander. Die einzelne Kommune sah sich daher nicht von vornherein in einem quasi natürlichen Gegensatz zur Obrigkeit. Denn von der Nachbargemeinde konnte eine Gefährdung der eigenen Waldinteressen gleichermaßen ausgehen. Wachsamkeit empfahl sich aus der Sicht der einzelnen Gemeinde gegenüber allen anderen Waldnutzern. Alle Waldnutzer agierten deshalb in einem multipolaren Politik- und Konfliktfeld. Die Hauptherausforderung lag für sie alle darin, ihre Interessen mit den Potentialen der natürlichen Umwelt in Einklang zu bringen.
  6. Die Kommunikation zwischen den Beteiligten konstituierte das multipolare Politik- und Konfliktfeld Waldentwicklung. Obrigkeit und Untertanen verhandelten über die Ausgestaltung und Gewichtung der Waldtypen. Innerhalb der Obrigkeit waren die konkreten Maßnahmen oder die Prioritätenverschiebung zugunsten des Holzproduktionswaldes kaum umstritten. Der Kernpunkt des innerobrigkeitlichen Streites lag in der Frage, welche Behörde die Kompetenzen für Verwaltung und Strafverfolgung innehaben sollte. Gemeinden prozessierten miteinander um Waldrechte und -eigentum.
  7. Die Waldentwicklung des 18. Jahrhunderts läßt sich nur im Kontext der allgemeinen Geschichte analysieren. Ohne Einbettung in Recht, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik greift eine Forstgeschichte zu kurz. Das wurde an vielen Stellen deutlich: Die Forstgesetzgebung ist Teil der Policeygesetzgebung und steht für die Verrechtlichung auch des Waldwesens. Die Holznachfrage leitete sich maßgeblich ab aus Bevölkerungsbewegungen, Kriegseinflüssen, Gewerbe- und Handelsentwicklung; umgekehrt waren diese ohne gesicherte Holzversorgung nicht denkbar. Forstgesetze entstanden im politischen Kräftespiel. An der Waldentwicklung waren die Gemeinden im Rahmen ihrer allgemeinen Partizipationsmöglichkeiten vor allem über die Gerichte beteiligt. Die Geschichte der Waldentwicklung ist daher auch ein elementarer Teil der rechtlichen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Beziehungen innerhalb der Bevölkerung.

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Blickt man von diesen Befunden auf Perspektiven der Forschung, so eröffnen sich neue oder differenziertere Problemstellungen.

  1. Die Bedeutung des Politik- und Konfliktfeldes Waldentwicklung ist insbesondere im Kontext politischer Umbrüche (Bauernkrieg, Ende 18. Jahrhundert, Mitte 19. Jahrhundert) weiter auszuloten. Die Kommunikation der Beteiligten könnte dabei im Mittelpunkt stehen.
  2. Zu wenig ist bislang bekannt über Gebrauch und Funktion von Holznot- und Nachhaltigkeits-Rhetorik. Inwieweit tarnten sie auch in anderen Gebieten Ansprüche auf massivere Nutzung? Die daneben existierende Rede von der Weide- und Wildnot ebenso zu beachten könnte bei der Entschlüsselung der Funktionsweise dieser Argumentationsfiguren weiterhelfen.
  3. Wie Interessen der Waldeigentümer und -nutzer auf den Wald wirken, ist ambivalent: Sie können ihn schützen, aber auch zerstören. Unter welchen Rahmenbedingungen Schutz oder Zerstörung vorherrschten, bietet sich zur landesgeschichtlich vergleichenden Erörterung an.
  4.  Die Kenntnisse über das Verhältnis der Waldtypen untereinander sind vor allem für das 19. Jahrhundert noch unzureichend: Welche kulturellen und gesellschaftlichen Faktoren bewirkten in der deutschen Forstpolitik des 19. Jahrhunderts die Umwandlung von Niederwäldern in Hochwälder? War es die Legitimationsabsicht gegenüber dem Liberalismus? Inwieweit spielten jagdliche Motive und die definitive Frontstellung des Nadelwaldbaus gegenüber dem Landwirtschaftswald eine Rolle? Welchen Einfluß das Wild auf den Wald hatte, bleibt auch nach dieser Untersuchung schwer abzuschätzen. Ein allerdings sehr aufwendiger Weg könnte über die Untersuchungen des Stammwachstums führen. Es ist denkbar, daß die verminderte Wuchsleistung von Laubbäumen, die als Argument für einen verstärkten Nadelholzanbau diente, aus höheren Verbißschäden herrührte. Damit wäre der Nadelholzproduktionswald ein Bruder des Jagdwaldes. Sozialgeschichtlich könnte es ferner interessant sein, die Karriereverläufe von Revierförstern, die große staatliche Jagdgebiete zu betreuen und durch die Jagden Zugang zu Spitzenbeamten hatten, den Laufbahnen von Revierförster ohne umfangreichere Jagdangelegenheiten gegenüberzustellen.
  5. Um die heutige Biodiversität beurteilen und als Gradmesser für die Landschaftsentwicklungsplanung gebrauchen zu können, stellt man sie dem Landschaftszustand um 1850 gegenüber. Matthias Bürgi weist allerdings nach, wie leicht eine ökologische Bewertung vergangener Landschaften schon aufgrund der Quellenlage in die Irre führen kann. Die Beschaffenheit des Waldes war offenbar um 1850 anders, als man bisher annahm. Damit wird der Beurteilungsmaßstab brüchig. Mit Quellenkritik und Quellenkontrast kann die Geschichtswissenschaft hier weiterhelfen.
  6. Für den Naturschutz ist es überdies bedeutsam, wo seit mehreren Hundert Jahren ununterbrochen Wälder stockten. Aus diesem konservatorischen Belang entwickelte sich in Großbritannien eine einflußreiche Richtung, welche "Ancient Woodlands" erforscht. Hier bietet sich den historischen Disziplinen ein ungewohnt praxis- und anwendungsnahes Feld.
  7. Historiographisch fällt auf, daß die Entwicklung des Waldwesens sich offenbar immer dann besonderer Aufmerksamkeit in der Forschung erfreut, wenn die Forschenden selbst Veränderungen in der Waldpolitik ihrer Gegenwart erleben. Das war 1750-1850, in den 1950er Jahren und nach 1985 der Fall. Dieser Konnex ist bisher unbeachtet geblieben.

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Publikationsliste

Monographien:

Christoph Ernst

  • gemeinsam mit Bernd-Stefan Grewe und Joachim Kuntz (Hg.), Beiträge zur Umweltgeschichte I. Tagungen des Arbeitskreises Forstgeschichte in Rheinland-Pfalz 1995 in Verbindung mit dem Sonderforschungsbereich 235, Universität Trier, Trier 1996
  • gemeinsam mit Gerd Modert und Joachim Kuntz (Hg.), Beiträge zur Umweltgeschichte II. Tagungen des Arbeitskreises Forstgeschichte in Rheinland-Pfalz 1996/97 in Verbindung mit den Universitäten Trier und München, Trier 1997
  • Den Wald entwickeln. Den Wald entwickeln. Ein Politik- und Konfliktfeld in Hunsrück und Eifel im 18. Jahrhundert. Oldenbourg: München 2000 (=Ancien régime, Aufklärung und Revolution, Bd. 32).

Gerd Modert

  • Wald und Umwelt des Menschen: Staat und ländliche Gesellschaft im Hunsrück des 19. Jahrhunderts (Dissertationsprojekt, in Vorbereitung)

Wolfram Siemann

  • Vom Staatenbund zum Nationalstaat. Deutschland 1806-1871 (Neue Deutsche Geschichte, Bd. 7), München 1995 (darin Kapitel IV: Der Umgang mit der Natur. Die ökologische Revolution, S. 131-148)

Aufsätze:

Christoph Ernst

  • Wer trübte die Wässerchen? Die Umweltgeschichte etabliert sich an deutschsprachigen Universitäten und Forschungseinrichtungen, in: Politische Ökologie 3 (1993), S. 116-118
  • Ein neuer Umgang mit Natur? Der Kondelwald im 18. Jahrhundert, in: Klaus Freckmann (Hg.), Sobernheimer Gespräche III. Das Land an der Mosel – Kultur und Struktur, Köln 1995, S. 21-32
  • Waldreformen im 18. Jahrhundert. Die Anfänge der nachhaltigen Forstwirtschaft im 'Baumbusch' und im 'Kondelwald' im überrregionalen Vergleich, in: Aufklärung 9/1 (1996), S. 47-73 (gemeinsam mit Norbert Franz) - besprochen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.05.1997 (Beilage Geisteswissenschaften) von Ulrich Speck
  • Das Schwein im Hinterhof. Städtische Ver- und Entsorgung in vorindustrieller Zeit, in: Politische Ökologie 44 (1996), S. 20-22 (gemeinsam mit Matthias Schmandt)
  • An ecological revolution? The 'Schlagwaldwirtschaft' in western Germany in the eighteenth and nineteenth centuries, in: Charles WATKINS (Ed.), European Woods and Forests. Studies in Cultural History, Oxford 1998, S. 83-92
  • Neue Zugänge zur historischen Waldentwicklung. Die Auswertung von Forst- und Landrentmeistereirechnungen (Kurtrier 1759-1792), in: Winfried Schenk (Hg.), Aufbau und Auswertung "Langer Reihen zur Erforschung von historischen Waldzuständen und Waldentwicklungen. Ergebnisse eines Symposiums in Blaubeuren vom 26.-28.2.1998, Tübingen 1999 (=Tübinger Geographische Studien, Heft 125), S. 207-229
  • Forstgesetze in der Frühen Neuzeit. Zielvorgaben und Normierungsinstrumente für die Waldentwicklung in Kurtrier, dem Kröver Reich und der Hinteren Grafschaft Sponheim (Hunsrück und Eifel), in: Karl Härter (Hg.), Policey und frühneuzeitliche Gesellschaft, Frankfurt am Main 2000, S. 341-381
  • How can history as an academic discipline contribute to an interdisciplinary forest history? In: Mauro Agnoletti (Ed.), History and forest resources (im Druck)
  • Waldentwicklung als Politikfeld. Das südwestliche Rheinland (Deutschland) im 18. Jahrhundert, in: Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen, Sonderheft, hrsg. von Anton Schuler (im Druck)

Norbert Franz

  • Vom frühneuzeitlichen Gemeindewald zum Försterwald des Industriezeitalters: Der Luxemburger "Baumbusch" 1767 bis 1880, in: Liber amicorum necnon et amicarum Alfred Heit: Kleine Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte und geschichtlichen Landeskunde, Trier 1996, S. 309-324
  • Der Luxemburger "Baumbusch" im 18. Jahrhundert. Das Beispiel einer städtischen Forstverwaltung, in: Ernst/Grewe/Kuntz, Beiträge zur Umweltgeschichte I, S. 27-35

Thomas Götz

  • Der Staat im Wald. Forstpersonal und Forstausbildung im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts aus umweltgeschichtlicher Perspektive. Das Beispiel des Rheinkreises, in: Ernst/Grewe/ Kuntz, Beiträge zur Umweltgeschichte I, S. 36-77
    Bernd-Stefan Grewe
  • Der Waldwächterstaat. Preußische Forstpolitik in der Rheinprovinz 1814-1847, in: Landeskundliche Vierteljahrsblätter 41 (1995), S. 105-120
  • "Darum treibt hier Not und Verzweiflung zum Holzfrevel". Ein Beitrag zur Sozial-, Wirtschafts- und Umweltgeschichte der Pfalz 1816-1860, in: Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz 94 (1996), S. 271-295

Gerd Modert

  • Der Weg des Landbaus in die Wissenschaft, in: Ernst/Grewe/Kuntz, Beiträge zur Umweltgeschichte I, S. 78-83
  • Der Wald als Konfliktraum in der Revolution 1848749: das Birkenfelder Land, in: Jahrbuch der Hambach-Gesellschaft 1998/99, S. 97-106
  • Socio-economic development and chaging mental concepts (re)shaping the woods in a German region of low mountain ranges, in: M. Agnoletti und S. Anderson (Hg.), ‚Forest History: International Studies on Socio-economic and Forest Ecosystem Change'. Report No. 2 of the IUFRO Task Force on Environmental Change, Wallingfod 2000, S. 153-159
  • Freies Eigentum – Freiheit im Wald – Schutz der Wälder: Konflikte um Waldnutzungen und die Forstreformen im Rheinland, in: Landesmonographie "Wald, Forst- und Holzwirtschaft in Nordrhein-Westfalen" (im Druck)
  • Luftverschmutzung und Umweltschäden im 19. Jahrhundert, in: Forum Forstgeschichte. Ergebnisse des Arbeitskreises Forstgeschichte in Bayern 1999 (= Forstliche Forschungsberichte München), hrsg. v. Egon Gundermann und Reiner Beck, (im Druck)

Thomas Schmehrer

  • Die Auswirkungen des pfälzischen Triftwesens auf die Kulturlandschaft des Pfälzerwaldes in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: Ernst/Modert/Kuntz, Beiträge zur Umweltgeschichte II, S. 83-97
  • Geographische und historische Perspektiven des Kulturlandschaftswandels am Beispiel des Triftwesens in der bayerischen Pfalz 1816-1860, in: Mitteilungen der Landesforstverwaltung Rheinland-Pfalz 15 (1998), S. 1-119

Ilona Wiemer

  • Der Meulenwald bei Trier in französischer Zeit (1794-1813), in: Klaus Freckmann (Hg.), Sobernheimer Gespräche IV (in Vorbereitung)