Neueste Geschichte und Zeitgeschichte
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Simon Goeke, M.A.

Die multinationale Arbeiterklasse. Migration und politischer Aktivismus in den Gewerkschaften und sozialen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahren. (Arbeitstitel)

 

Die zeitgeschichtliche Forschung hat die Bedeutung der Migration für die Entwicklung der Bundesrepublik relativ spät und nur zögerlich entdeckt. Während sich mittlerweile die Einsicht weitgehend durchgesetzt hat, dass es sich bei der Geschichte der Bundesrepublik um die Geschichte eines so genannten „Einwanderungslandes“ handelt, ist über die Einflüsse von MigrantInnen auf die Wandlungsprozesse der 1960er und 1970er Jahre und über das Verhältnis von Gewerkschaften und ausländischen ArbeiterInnen bisher erst wenig bekannt.

MigrantInnen erscheinen in der Forschung zu Unrecht meist als Objekte ökonomischer Prozesse oder staatlichen und institutionellen Handelns. Dies reicht hin bis zu der weit verbreiteten These, MigrantInnen hätten sich weniger als Deutsche an politischen und gewerkschaftlichen Bewegungen beteiligt, wie sie unter anderem im Standardwerk Ulrich Herberts über die Geschichte der Ausländerpolitik vertreten wird. 

Durch mehrere lokale Studien möchte das Promotionsprojekt diese These eindrücklich widerlegen und der Frage nachgehen, inwiefern sich migrantische Positionierungen und Forderungen in den sozialen Bewegungen und in der Gewerkschaftsbewegung der 1960er und 1970er Jahre widerspiegelten. Es stellt sich die Frage, wie sich Gewerkschaften und soziale Bewegungen auf die Neuzusammensetzung der „Arbeiterklasse“ einstellten, und welcher Einfluss dabei den Migranten selbst und den durch Migration beförderten internationalen Strukturen zukam. Welche Transnationalisierungsprozesse oder Tendenzen zur Internationalisierung wurden durch die Migration in Gewerkschaften und sozialen Bewegungen ausgelöst oder bestärkt? Wie haben sich die widerständige Praxis der Einreise und die Kämpfe der MigrantInnen um Teilhabe und Gleichberechtigung in die Geschichte eingeschrieben? Auch die These von Rucht und Heitmeyer, dass migrantische Kämpfe keinen in einer Traditionslinie zu verstehenden Zusammenhang bildeten und keine übergreifenden Organisations- und Kommunikationsstrukturen hinterließen, erscheint angesichts einer starken Institutionalisierung migrantischer Interessen durch Gewerkschaftsgruppen und kommunale Ausländervertretungen in den 1970er Jahren einer eingehenden Überprüfung wert.

Die mikrohistorische Untersuchung lokaler Bündnisse, linksradikaler Interventionen und migrantischer Mobilisierungen mit ihren Voraussetzungen und Auswirkungen verspricht sowohl auf dem Gebiet der Migrationsgeschichte als auch, was die Beziehung von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen anbelangt, neue Erkenntnisse. Die historische Studie wird verschiedene kommunale Beispiele einschließen, ohne jedoch auf die Darstellung des bundesdeutschen Gesamtzusammenhangs zu verzichten. Durch die Untersuchung und den Vergleich der migrantischen Kämpfe und Organisationsformen hinsichtlich ihres Einflusses auf die Positionierungen von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen in Städten wie Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt am Main, Stuttgart, Bremen und Hannover, ist eine Neuverortung der Migration innerhalb der gesellschaftlichen Transformationen der 1960er und 1970er Jahre und innerhalb der jeweiligen Stadtgeschichte zu erwarten. Die Migration und die Kämpfe der MigrantInnen werden zum Ausgangspunkt der Studie genommen und somit endlich selbst auf die Ebene der historischen Subjekte gehoben.

Gefördert durch: Hans-Böckler-Stiftung

voraussichtliche Abgabe: Herbst 2011

Kontakt: E-Mail schicken an SimonGoeke@campus.lmu.de E-Mail