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3) Kontext: Der Erste Weltkrieg im Comic 1914-2014

Nicht nur der Ausbruch des Ersten Weltkriegs jährt sich in diesem Jahr zum einhundertsten Mal, auch gezeichnete Geschichten über diesen Krieg können 2014 auf eine hundertjährige Tradition zurückblicken. Denn Bilder vom Leben im Krieg erscheinen bereits unmittelbar nach dessen Ausbruch im Jahr 1914 (z.B. Bécassine, Pieds Nickelés). Zunächst als Propagandainstrument eingesetzt, um die Kriegsmoral in den eigenen (nationalen) Reihen zu stärken, veränderte sich die graphische Darstellung des Krieges nach dessen Ende im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts. Bildergeschichten über die Zeit des Ersten Weltkrieges erschienen vor allem in den Ländern, die über eine lebendige Comic-Kultur verfügen, wie in Frankreich, Belgien und den USA, aber ebenso in England und jüngst auch in Deutschland. Comics mit historischem Inhalt sind jedoch nicht auf den nationalen Rahmen beschränkt; sie zirkulieren – vor allem als Übersetzungen - über Staats- und Sprachgrenzen hinweg, transportieren Bilder- und Vorstellungswelten, Erfahrungs- und Wissensbestände sowie Deutungsmuster. Sie bilden somit ein eigenständiges Medium populärer transnationaler Erinnerungskulturen.

Genaue Angaben darüber, wie viele Geschichtscomics den Ersten Weltkrieg behandeln, existieren nicht. Eine Zusammenstellung für den französischsprachigen Raum nennt 36 seit den 1970er Jahren publizierte Alben und Serien - allein 21 (knapp 60%) davon erschienen seit 2000. Wie die in dieser Beziehung repräsentative Auswahlbibliographie in Abschnitt 4 zeigt, stieg die Zahl der Serien und Alben über den "Großen Krieg" vor allem seit den 1990er Jahren stark an. Im Jubiläumsjahr 2014 wird, das zeigen allein die Ankündigungen der deutschen Comic-Verlage, mit einer Hausse zu rechnen sein. Diese Entwicklung steht im Zusammenhang mit der insgesamt zu beobachtenden Zunahme historischer Themen in den Bildergeschichten, die zudem mit Innovationen und Veränderungen des Mediums einhergehen.

Betrachtet man das gesamte Spektrum der Comics über die Jahre 1914 bis 1918, fällt zunächst auf, dass ganz unterschiedliche Aspekte des und Perspektiven auf den Ersten Weltkrieg zu finden sind: Das Spektrum reicht von Funnies, also Klamauk in der Kulisse des Grabenkrieges (z. B. in So ein Scheißspiel), über Biographien wie die von Fritz Haber bis hin zur Kriegswahrnehmung aus der Perspektive der Kolonien wie in Tahiti oder der Kriegsfolgen in La Grippe Coloniale. Die überwiegende Mehrheit der Comics thematisiert jedoch Kampfhandlungen. Anhand von fünf Beispielen lässt sich ein knapper Überblick über die Entwicklung der Darstellung des Ersten Weltkriegs im Comic seit den 1960er Jahren geben.

Zunächst bildete der Erste Weltkrieg in den 1960er und 1970er Jahren einen Gegenstand der vor allem US-amerikanisch und britisch geprägten war comics – serielle, meist der Trivialliteratur zugerechnete Kriegsabenteuer, in denen Action, Technik und klassische Heldentugenden im Vordergrund standen. Dort lebte in den Worten der englischen Comic-Forscherin Esther McCallum-Stewart "the idealism of the Great War generation" fort, der anderswo nicht mehr anzutreffen war. Diese Bildergeschichten konzentrierten sich auf den Luftkrieg und dort insbesondere auf das Vorbild des deutschen Jagdfliegers Manfred von Richthofen (des sog. "roten Barons"). Zu den bekanntesten Vertretern gehört die Heft-Serie Enemy Ace, die seit 1965 von DC in den USA publiziert wurde. In Form eines Tagebuchs berichtet dort der (fiktive) deutsche Pilot Hans von Hammer über seine Kriegserlebnisse, zu denen vornehmlich spektakuläre Luftkämpfe gehören. Bemerkenswert ist dabei, dass Geschichte und Geschichten aus der Sicht eines ehemaligen Kriegsgegners geschildert werden.

Seit dem Ende der 1960er Jahre vollzogen sich in Europa Veränderungen innerhalb des Mediums. Neben die Serienproduktion stark standardisierter Comics traten neue, experimentelle Formen des underground comics oder Weiterentwicklungen bestehender Formate. In diesen Zusammenhang und in den zeithistorischen Kontext des Aufschwungs der Friedensbewegung ist die Reihe Charley's War einzuordnen. Als "most important UK comics war story ever" bezeichnet, erzählt sie in einem spezifischen schwarz-weiß-Stil, der eine düstere Atmosphäre zu schaffen vermag, die Geschichte eines 16-jährigen Freiwilligen, der 1916 an der Westfront eingesetzt wird. In Charley's War finden sich alle Elemente des britischen war myth: Die Handlung spielt am zentralen Erinnerungsort der Somme und zeigt kein Heldentum, sondern die Schrecken des Stellungskrieges. Die Sinnlosigkeit des Kämpfens und Sterbens wird genauso deutlich wie die Wahrnehmung, dass es sich um einen Klassenkrieg der Oberschicht gegen die Armen bzw. die Arbeiterklasse gehandelt habe. Charley ist zudem eher ein Anti-Held, der sich oft falsch bzw. unmoralisch verhält.

Mit ähnlicher, dezidiert pazifistischer Zielrichtung hat sich der Franzose Jacques Tardi mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt, der im Mittelpunkt seines Comic-Gesamtwerkes steht. Insbesondere sein 1993 erschienenes Album Grabenkrieg hat ihn weit über sein Heimatland hinaus als den Comic-Autoren des "Großen Krieges" bekannt gemacht. Ausgehend von den Kriegserlebnissen seines Großvaters und auf der Grundlage umfangreicher historischer Recherchen zeichnet er, ebenfalls in schwarz-weiß, ein eindrucksvolles Bild der Grausamkeit und Schrecken des Stellungskrieges an der Westfront. Das Album besteht aus Episoden, jede Identifikation mit einzelnen Figuren wird unmöglich. Feindbilder haben keinen Platz; vielmehr wird das sinnlose Sterben auf allen Seiten der Front angesprochen. Darin kommt unter anderem die Europäisierung der Erinnerung zum Ausdruck.

Grabenkrieg wird zu den graphic novels gerechnet – ein- oder mehrbändigen Comics mit komplexer Erzählstruktur, die vor allem seit den 1990er Jahren in Europa und den USA zunahmen. Typisch ist die Nutzung der Möglichkeit des Mediums, mit unterschiedlichen Zeitebenen und Zeitsprüngen zu arbeiten. Das hat auch der Amerikaner George Pratt genutzt, um den Ersten Weltkrieg mit anderen militärischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts in Beziehung zu setzen. 1990 griff er die Figur des war comic-Kriegshelden Hans von Hammer aus Enemy Ace auf und versetzte ihn in das Jahr 1969, wo er von einem jungen Vietnamkriegsveteranen im Altersheim besucht wird. Im Zentrum der Geschichte steht nicht der Krieg selbst, sondern dessen Folgen für die Soldaten. Die Traumatisierung durch die Kriegserlebnisse macht die Überlebenden zu Opfern - und im Hinblick darauf erscheint es nachvollziehbar, dass Pratt gerade die beiden Kriege des 20. Jahrhunderts zusammenbringt, mit denen die Traumatisierung von Soldaten besonders intensiv verbunden wird.

Im 21. Jahrhundert zeichnen sich in den Comics über den Ersten Weltkrieg weitere neue Trends ab. Es entstehen Alben, die neue Perspektiven auf den Krieg und seine Akteure eröffnen (Frauen, Religion), Licht auf andere Schauplätze als die Westfront werfen (Ostfront, Tahiti) und neue Wege bei der visuellen Darstellung des Krieges beschreiten (Kolorierung, style tremblé). Unverändert ist jedoch der Herkunftsraum der gezeichneten Geschichten. Bis heute entstehen die meisten von ihnen in Frankreich (http://www.bedetheque.com/; http://www.actuabd.com/). Das hat zum einen damit zu tun, dass der Erste Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis der französischen Republik als Grande Guerre immer noch eine bedeutsame Rolle spielt, während etwa in Deutschland die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in den Hintergrund gedrängt hat. Es ist aber auch darauf zurückzuführen, dass Comics in Frankreich als populäre Medien der Erinnerungskultur ernst genommen werden und anerkannt sind.

In die Reihe dieser französischsprachigen Comics über den Ersten Weltkrieg gehört die Serie Notre Mère la Guerre sowie der bislang zwei Bände umfassende Comic Svoboda. Beide Geschichten spiegeln in je eigener Weise den angesprochenen Wandel der Repräsentation des Ersten Weltkriegs im Comic: Notre Mère la Guerre rückt unter anderem Frauen in den Vordergrund; Svoboda lenkt den Blick auf die lange in der Erinnerung vernachlässigte Ostfront und erzählt, wie in den Wirren der Bolschewistischen Revolution in Russland Soldaten der tschechoslowakischen Legion versuchen, mit der Transsibirischen Eisenbahn in ihre Heimat zurückzukehren.

Deutschland verfügt über keine mit dem franko-belgischen Raum oder den USA vergleichbare Comic-Tradition und keine ausgeprägte eigene Comic-Kultur. Das zeigt sich unter anderem daran, dass es sich bei den auf Deutsch publizierten Bildergeschichten mit historischem Inhalt überwiegend um Übersetzungen, vor allem Importe aus den Nachbarländern Frankreich und Belgien handelt. Dieser Befund bestätigt sich auch im Hinblick auf diejenigen Alben, die zur Zeit des Ersten Weltkriegs spielen, wie die Auswahlbibliographie (vgl. Abschnitt 4) zeigt. Die Situation hat sich jedoch in den letzten Jahren verändert: Etwa seit der Jahrtausendwende gibt es eine wachsende Zahl deutscher Comic-Zeichnerinnen und –Zeichner, die bevorzugt historische Themen wählen. Für das Jubiläumsjahr 2014 kündigen dementsprechend eine Reihe heimischer Comic-Verlage Eigenproduktionen von Bildergeschichten zum Ersten Weltkrieg an, beispielsweise eine Comic-Adaption von Im Westen nichts Neues oder 1914. Ein Maler zieht in den Krieg von Reinhard Kleist. Darüber hinaus werden zahlreiche deutsche Übersetzungen von Weltkriegscomics erscheinen, nicht zuletzt Mutter Krieg von Maël und Kris.

 

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4) Auswahlbibliographie

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1) Konzeption und Aufbau der Ausstellung
2) Die Comic-Serie Notre Mère la Guerre
3) Kontext: Der Erste Weltkrieg im Comic 1914-2014
4) Auswahlbibliographie