Neueste Geschichte und Zeitgeschichte
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1) Konzeption und Aufbau der Ausstellung

Die Ausstellung "Tout le monde kaputt" – Der Erste Weltkrieg im Comic ist ein Kooperationsprojekt des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte, des Historischen Seminars und der Universitätsbibliothek der LMU München. Sie steht außerdem im Zusammenhang mit der Vortragsreihe "Der Erste Weltkrieg in europäischen Erinnerungskulturen", die der Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Historischen Seminar im Wintersemester 2013/14 an der LMU München veranstaltet hat.

498Die Ausstellung ist 2012 von Dr. Susanne Brandt zusammen mit Studierenden an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf entwickelt worden und war im Juni 2013 in Gießen zu sehen. Für die Präsentation in München wurde die Konzeption überarbeitet und ergänzt. Die im Mittelpunkt stehende Comic-Serie Notre Mère la Guerre ist inzwischen vollständig, so dass auch der bislang noch nicht gezeigte vierte Band berücksichtigt werden konnte. Die Objekte wurden zudem neu angeordnet, mit zusätzlichen Informationstexten versehen und der Schwerpunkt auf die Kriegsdarstellung im publizierten Comic gelegt.

Ziel der Ausstellung ist es, anhand der jüngst abgeschlossenen französischen Serie Notre Mère la Guerre einen exemplarischen Einblick in die gegenwärtige Verarbeitung des "Großen Krieges" im Medium Comic zu geben und dies mit Originalobjekten des französischen Museums Historial de la Grande Guerre in Péronne (http://www.historial.org/) aus den Jahren 1914 bis 1918 zu kombinieren. Sowohl das Museum als auch der Comic konzentrieren sich geographisch auf die Westfront, genauer: auf das ehemalige Kampfgebiet der Somme, das vor allem für die verlustreiche gleichnamige Schlacht des Jahres 1916 bekannt ist. Dieses Gebiet bildet bis heute einen zentralen Ort besonders der französischen und britischen, aber auch der deutschen Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Das Thema der Ausstellung fügt sich so in den breiteren Rahmen der Beschäftigung mit populären europäischen Erinnerungskulturen ein.

In der Zusammenschau von Skizzen, Interviews, gedruckten Comic-Seiten, Informationstexten und Original-Objekten aus der Kriegszeit macht die Ausstellung den Entstehungsprozess eines Geschichtscomics von ersten Zeichnungen und Überlegungen bis zum fertigen Endprodukt deutlich. Sie kann so zur Revision bzw. Erweiterung der in Deutschland noch immer verbreiteten Auffassung beitragen, der Comic sei vor allem der Trivial- oder Kinderliteratur zuzurechnen. Notre Mère la Guerre basiert auf intensivem Quellenstudium, sowohl in Bezug auf Texte als auch auf Bilder aus den Jahren 1914 bis 1918, und auf der breiten Auswertung geschichtswissenschaftlicher Forschungsliteratur. Wie sein Autor Kris berichtet, kam ihm die konkrete Idee zur Handlung des Comics bei der Lektüre eines Soldatentagebuchs aus der Kriegszeit. Die Vorzüge des Mediums sieht er in der Möglichkeit der freien Kombination der Elemente "Archivbilder, Texte, Berichte, Fotos, Malereien und natürlich auch schlichtweg die Neuschöpfung durch die Zeichnung" könnten zu einer Gesamterzählung integriert werden, die aber gleichzeitig ihren Konstruktionscharakter unmittelbar deutlich macht.

Aus den vielfältigen in Notre Mère la Guerre thematisierten Aspekten des Ersten Weltkriegs wählt die Ausstellung vier aus, die sie in den Mittelpunkt stellt und zu denen Stücke aus dem Historial de la Grande Guerre zu sehen sind:
- Alltag der Soldaten
- Brutalität und Brutalisierung des Krieges
- Religion und Kirche
- Frauen im Krieg.

 

Der Alltag an der Front wurde durch den Rhythmus der Kampfhandlungen bestimmt, der aus tagelangen Kämpfen in den Schützengräben und aus dem angespannten Abwarten gegnerischer Angriffe gleichermaßen bestand. Nur wenig freie Zeit und kaum Privatsphäre prägten den Soldatenalltag, der sich bei allen beteiligten Kriegsparteien wenig unterschied. Die geringe Zeit, die ihnen verblieb, nutzten die Soldaten zur Befriedigung von Grundbedürfnissen, aber auch für persönliche Aktivitäten wie das Musizieren oder das Schreiben von Briefen.


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Ausgestellte Objekte aus dem Historial zum Alltag der Soldaten:
1. Ensemble Feldkocher mit Gebrauchsanleitung
2. Bierflasche aus Deutschland
3. Whiskyflasche aus Großbritannien
4. Deutsches Zigarettenetui
5. Selbstgefertigtes Feuerzeug
6. Handgefertigte Balalaika
7. Kappe eines Gendarmen
8. Flachrelief auf Kalkstein: Max und Moritz
9. Andenken an Kriegsgefangenschaft, aus Kuhknochen


 

Technische Entwicklungen in der Produktion von Waffen und neue Kampfmethoden führten im Ersten Weltkrieg zur Brutalisierung der Schlachten und kosteten viele Millionen Menschen das Leben. Erstmals wurden chemische Kampfstoffe (Gas) eingesetzt. Über Alltagsgegenstände fand die Brutalität der Kampfhandlungen aber auch Eingang in die Lebenswelt der Menschen abseits der Front. Nach Kriegsende wurden diese Gegenstände zu Trägern ›geteilter‹ Erinnerungen an die Zeit von 1914 bis 1918. Die Gewalterfahrung des Krieges prägte die europäischen Gesellschaften über 1918 hinaus bzw. wirkte in diesen nach.

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Ausgestellte Objekte aus dem Historial zu Brutalität und Brutalisierung:
10. Handgefertigtes Flugzeug
11. Britischer Panzer als Salzstreuer
12. Dekorationsteller aus Meissener Porzellan
13. Kleines Bajonett
14. Keule aus einem britischen Schützengraben
15. Französische Gasmaske
16. Begleitzettel für Verwundete u. andere chirurgisch zu Behandelnde
17. Wurfpfeil
18. Spaten der russischen Armee

 


Die Kirche übernahm im Ersten Weltkrieg wichtige Funktionen beim Militär. Feldgeistliche hielten Gottesdienste in zum Teil halb oder völlig zerstörten Gotteshäusern ab, kümmerten sich um Verwundete, leisteten sterbenden Soldaten Beistand, spendeten ihnen den letzten Segen und benachrichtigten ihre Hinterbliebenen.

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Ausgestellte Objekte aus dem Historial zu Religion und Kirche:
19. Tragbarer Altar mit Messzubehör
20. Propagandistische Flugschrift
21. Religiöse Medaille mit Inschrift
22. Kruzifix aus Patronen



Frauen
waren im Alltag der Soldaten in unterschiedlicher Weise präsent, sei es z.B. als Krankenschwestern oder Prostituierte vor Ort, als Mütter, Gemahlinnen, Freundinnen oder Schwestern in der Ferne oder als Imaginationen und Projektionsflächen (Geliebte, Heldinnen, Spioninnen). Als Arbeitskräfte waren Frauen im Krieg darüber hinaus im Kriegsalltag ökonomisch von Bedeutung; als Alleinerziehende übernahmen sie wichtige Aufgaben in der Familienversorgung. Der Comic-Autor Kris versteht Notre Mère la Guerre, wie er 2013 in einem Interview mit der Zeitschrift Temps Noir erklärte, als ein "feministisches Werk": "Wenn man die Geschichte in langfristiger Perspektive betrachtet, ist man von der Langlebigkeit des Krieges überrascht, den Männer in vielfältiger Weise gegen Frauen führen und für welchen Religionen nur das sichtbarste Beispiel sind. Es gibt eine schreckliche Beziehung zwischen Liebe und Hass. Männer ignorieren ganz offensichtlich vollkommen oder verstehen nicht, was Frauen eigentlich sind, und das führt oftmals zu Aggressionen. Und zu der säkularen Haltung, auf Frauen unsere Schuld, unsere Fehler, unser Scheitern etc. abzuwälzen."

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Ausgestellte Objekte aus dem Historial zu Frauen:
23. Zigarettenetui mit zwei Frauen
24. Feldpost an Mutter und Schwester, 1918
25. Begleitzettel für innerlich Kranke
26. Krankenschwesterfiguren aus Holz
27. Elsässische Mädchenfigur mit Blumenstrauß

 


496Die Ausstellung ist in der Ausleihhalle der Universitätsbibliothek der LMU München folgendermaßen aufgebaut:
Eine Bildschirmpräsentation gibt Kurzinformationen zu Ausstellung, Comic-Serie sowie Autor und Zeichner; eine Sitzgelegenheit mit Lese-Ecke lädt zur Lektüre weiterer Comics zum Ersten Weltkrieg, vor allem aus dem franko-belgischen Raum ein.
Die Objekte selbst sind in zwölf, in L-Form angeordneten Vitrinen zu sehen:
Der Rundgang beginnt an der Längsseite rechts mit jeweils einer Vitrine für den Zeichner Maël und den Autor Kris. Dort wird zugleich anhand von Originalskizzen der Entstehungsprozess einzelner Sequenzen aus dem Comic vorgestellt.
Daran schließen sich links vier Vitrinen mit Abbildungen aus der Bildergeschichte zu den Themen Alltag, Brutalität/Brutalisierung, Religion und Frauen im Krieg an.
Es folgen drei Vitrinen mit Erläuterungen zum Ersten Weltkrieg im Medium des Comics sowie zur Bedeutung von Bildern bzw. Bildergeschichten im Krieg selbst und entsprechenden Beispielen.
An der Stirnseite des Raumes befinden sich in drei Vitrinen Originalobjekte der Kriegszeit aus dem Historial, gruppiert nach den vier Aspekten Alltag, Brutalität, Religion und Frauen. An den Wänden hängen Originalzeichnungen aus dem Comic Svoboda! (Autor Kris, gezeichnet von Jean-Denis Pendanx), der Ostfront und russische Revolution thematisiert.

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2) Die Comic-Serie Notre Mère la Guerre

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