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Dissertation - Dr. Anette Schlimm

(abgeschlossen)

Ordnung des Verkehrs – Ordnung der Gesellschaft. Verkehrsexpertise als Ordnungsdenken und social engineering in Deutschland und Großbritannien (1920er bis 1950er Jahre)

Die Dissertation setzte an der Beobachtung an, dass etwa seit der langen Wende zum 20. Jahrhundert, beschleunigt dann aber nach dem Ersten Weltkrieg, das sozialwissenschaftliche Wissen in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen zu florieren begann. Experten unterschiedlichster Couleur diagnostizierten Probleme, die offenbar durch die Dynamisierungen der modernen Welt ausgelöst wurden. Die dramatische Folge schien unmittelbar bevorzustehen: die etablierte Ordnung drohte auseinanderzufallen. Diese Gefahr versuchten die Experten mittels (vermeintlich) rationaler, technischer Zugriffe abzuwenden, ohne dabei auf die Errungenschaften der modernen Welt verzichten zu müssen, gleichwohl aber die alte Ordnung retten zu können.

Dieses gesellschaftliche Phänomen, das auf den Begriff „Ordnungsdenken und social engineering“ gebracht werden kann, habe ich in einem ebenso spannenden wie umstrittenen gesellschaftlichen Teilbereich untersucht: dem Verkehr. Der Verkehr, der als Entität höherer Ordnung, als Phänomen über den einzelnen technischen Einrichtungen und als vitale gesellschaftliche Funktion erst in der Zeit seit der Jahrhundertwende „entdeckt“ bzw. konstituiert wurde, schien spätestens seit dem Ende des Ersten Weltkriegs in seiner Ordnung und damit in seiner Funktion für die Vermittlung aller gesellschaftlichen Teilbereiche gefährdet zu sein. Neue ökonomische Bedürfnisse ebenso wie der scheinbar unkontrolliert wuchernde motorisierte Straßenverkehr riefen die Experten auf den Plan, die fortan bis in die späten 1950er Jahre damit beschäftigt waren, eine neue Ordnung herzustellen, die Verkehrsmittel miteinander zu koordinieren und die Erschließung peripherer Räume sicherzustellen.

An diesem Beispiel kann nicht nur das Phänomen Ordnungsdenken und social engineering hervorragend analysiert werden; gleichzeitig gibt die Analyse von Verkehrsexpertise den Blick frei auf die Institutionalisierung (bzw. deren Schwierigkeiten) eines interdisziplinären, stark anwendungsorientierten Faches auf der Grenze zwischen Sozial- und Technikwissenschaften auf der einen, Wissenschaft, Verwaltung und Unternehmen auf der anderen Seite. Verschiedene politische Traditionen und Wissensbestände, Steuerungsvarianten und Expertenpolitiken in Großbritannien und Deutschland werden systematisch aufeinander bezogen und tragen zu einem tieferen Verständnis Nordwesteuropas in der Zwischen- und zweiten Nachkriegszeit bei.

Darüber hinaus werden Begriff und Phänomen Verkehr – eine Signatur der Moderne, wie nicht anhand der Lektüre zeitgenössischer verkehrswissenschaftlicher Schriften, sondern auch im Film, in der Literatur und der Kunst deutlich wird – einer grundlegenden Historisierung und Dekonstruktion unterzogen. „Verkehr“ als zusammenhängendes Phänomen, als ein Gebilde, das gleichzeitig physisch-technisch und immateriell ist, entsteht unter anderem durch die Praktiken der Verkehrsexperten im untersuchten Zeitraum. Der vermeintlich harmonische Verkehr, der als untergegangenes Idealbild heraufbeschworen wurde, wurde erst durch seine Zerfallsdiagnose zu einem konsistenten Topos.

Publikationen:

Ordnungen des Verkehrs. Arbeit an der Moderne – deutsche und britische Verkehrsexpertise im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2011.

Handeln im Angesicht der Krise: Zukunftswissen und Expertise deutscher Verkehrswissenschaftler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Hartmann, Heinrich/Vogel, Jakob (Hg.): Zukunftswissen. Prognostik in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft seit 1900, Frankfurt/Main u.a. 2010, S. 175-194.

„Harmonie zu schaffen, ist Sinn und Zweck“. Der Verkehrsdiskurs und die räumliche Ordnung des Sozialen, in: Etzemüller, Thomas (Hg.): Die Ordnung der Moderne. Social Engineering im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2009, S. 67-86.