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Habilitationsprojekt - Dr. Anette Schlimm

Übergangsgesellschaften. Politik und Regierung im ländlichen Raum, 1850 bis 1950

Der ländliche Raum in Deutschland veränderte sich zwischen der Revolution von 1848 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs nachhaltig. Trotzdem herrscht in der Historiographie die Meinung vor, auf dem Dorf sei die Moderne erst nach 1945 wirklich angekommen. In meinem Habilitationsprojekt untersuche ich anhand der Wand-lungen von Politik, wie ländliche Gesellschaften im lokalen, regionalen und nationalen Raum mit Veränderungen umgingen und selbst zu ihnen beitrugen. Das Projekt kombiniert mehrere Mikrostudien bäuerlicher Gemeinden im Deutschen Reich (in Brandenburg, Oberbayern, Unterelsass) mit quellengestützter Forschung zu breiteren Entwicklungen, um Wandel des Politischen im ländlichen Raum auf der Ebene der Strukturen, der Deutungsmuster und der alltäglichen Praktiken aufzuspüren. Dabei untersuche ich ein breites Spektrum an Themen: von Problemen der lokalen Citizenship über die Reform von ländlichen Selbstverwaltungsstrukturen, die Wand-lungen des modernen Staates und der Gemeinde bis hin zur Ko-Produktion von Staatlichkeit in ökonomischen Vereinigungen. Die diachrone Analyse wird kombiniert mit historischen Tiefenbohrungen zu Krisenereignissen und historischen Zäsuren in den Landgemeinden, um die Einengung bzw. Ausweitung von lokalen politischen Handlungsspielräumen genauer fassen zu können. Das Projekt macht deutlich, dass bzw. wie sich auch die ländlichen Gesellschaften im Zuge der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung radikal wandelten. Auf der lokalen Ebene äußerte sich das zum einen darin, dass die Gemeinden immer mehr zu einem Teil des Staates wurden, der viele neue Aufgaben an sich zog und auf sich ausrichtete. Zum anderen wurden lokale Akteure in politische Handlungs- und Verhaltensmuster eingeübt, etwa in der ständigen Interaktion mit der staatlichen Bürokratie oder politischen Partei-en und Verbänden. Diese Veränderungen, die zu einem Wandel des Politischen und der Machtverhältnisse im Dorf beitrugen, waren im Alltag jedoch häufig unauffällig. Daher konnte sich weithin eine Vorstellung durchsetzen, dass der ländliche Raum vorpolitisch und statisch sei, was jedoch seinerseits Teil der spezifisch ländlichen Politisierungsprozesse war. Diese hatten etwa zur Folge, dass die Differenz zwischen Stadt und Land selbst zu einem politischen Gegensatz gemacht wurde. Ländliche wie städtische Akteure machten im Zuge dessen das Motiv eines vorpolitischen ländlichen Raums, der sich wesensmäßig von der Stadt sowie von der Welt der „großen Politik“ unterscheide, zu einem politischen Argument in der Auseinandersetzung über die Richtung des gesellschaftlichen Wandels.

Publikationen zum Projekt:

Formwandel der Politik. Transformationen des Regierens im ländlichen Raum, circa 1870–1930, in: Archiv für Sozialgeschichte 57 (2017), S. 235–257.

Vom unwilligen, unfähigen Schulzen zum kompetenten Bürgermeister? Verhaltenslehren und Lernprozesse im ländlichen Raum des 19. Jahrhunderts, in: Administory. Zeitschrift für Verwaltungsgeschichte 2 (2017), S. 214–236, URL: https://adhi.univie.ac.at/index.php/adhi/article/view/1788/html_Schlimm.

Between Mobilization and De-Politicization: Political Technologies of Rural Self-Government in Weimar Germany, in: van de Grift, Liesbeth; Ribi Forclaz, Amalia (Hg.): Governing the Rural in Europe, 1918 – 1945, Abingdon, Oxon [UK]; New York, NY: Routledge 2017, S. 164–184.

Eine „entente cordiale“ für den Schutz der Heimat? Europäische Kooperationsversuche von Landschafts- und Heimatschützern vor dem Ersten Weltkrieg, in: Themenportal Europäische Geschichte (2015), URL: http://www.europa.clio-online.de/2015/Article=716.