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Individualität, Geschlecht, Familie. Paarbeziehungen im Deutschland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (1920-1965)

Paarbeziehungen unterlagen im 20. Jahrhundert einem grundlegenden Wandel. Das bürgerliche Ideal der Liebesehe wurde schichtübergreifend zur Normalität. Geschlechterverhältnisse egalisierten sich. Die „Verwissenschaftlichung des Sozialen“ ließ Beziehungen zu einem Gegenstand von Arbeit und Perfektionierung werden. Damit verband sich in den letzten Jahrzehnten eine Instabilität der Paarbeziehungen. Für diese Entwicklungen werden die Prozesse der Individualisierung und Säkularisierung verantwortlich gemacht, wobei die Soziologie wie die Geschichtswissenschaft diese epochalen Veränderungen zumeist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verorten. Als Moment des Wertebruchs gelten die ausgehenden 1960er und 1970er Jahre. Vieles spricht jedoch dafür, dass die Grundlagen für diesen Wandel bereits vorher gelegt wurden. Ideengeschichtlich veränderten die Frauenbewegung, die Sexualreform, die Entstehung der Psychologie und Psychoanalyse die Vorstellungen von Geschlechterrollen und -beziehungen. Sozioökonomische und demographische Entwicklungen, wie die Zunahme von Geburtenplanung um 1900 und von Frauenerwerbstätigkeit vor allem in den beiden Weltkriegen modifizierten die Machtverhältnisse innerhalb von Paaren. Darüber hinaus beeinflussten rechtliche und politische Rahmenbedingungen, insbesondere mit der Entstehung der Familienpolitik im letzten Jahrhundert, die Gestaltung der Beziehungen innerhalb von Familien. Dies gilt speziell für Deutschland mit den Regimewechseln und der NS-Diktatur. Wie die politischen, rechtlichen, sozioökonomischen und demographischen Veränderungen sowie die Prozesse von Verwissenschaftlichung, Emotionalisierung, Egalisierung, Individualisierung und Säkularisierung in der konkrete Lebensgestaltung in Hinblick auf das Verhältnis von Männern und Frauen verarbeitet bzw. bearbeitet wurden, ist bislang nur in Ausschnitten untersucht worden.
Hier setzt das Habilitationsprojekt an und analysiert den Wandel von Paarbeziehungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ziel ist es die Entwicklung von Paar- und Ehevorstellungen, Geschlechterverhältnissen sowie Individualitätskonzepten in einer längeren Perspektive zu verorten. Ausgangspunkt sind die Krisensituationen Eheberatung, die anhand zweier Ebenen untersucht werden. Erstens werden die ab den 1920er Jahren entstehenden, von unterschiedlichen Institutionen getragenen Eheberatungen analysiert. Zweitens werden eine Diskursanalyse von Ratgeberliteratur sowie Ratgeberkolumnen durchgeführt und die breiteren Debatten über Ehe, Partnerschaft und Geschlechterrollen herausgearbeitet. Mit diesem doppelten Zugriff sollen sowohl die diskursive Geschlechterkonstruktion, Konzepte von Individualität, Partnerschaft und Familie als auch konkrete Konfliktaustragungen analysiert werden und so private Geschlechterverhältnisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Aushandlungsort zwischenmenschlicher Beziehungen untersucht werden.

Stand Mai 2016